In "St.Petri Schnee" geht es, wie oft bei Leo Perutz, um das Spiel mit der Wahrnehmung, um die Frage, was wirklicher ist: Der Wahn oder die Wirklichkeit. Dieser Roman spielt, im Gegensatz zu den meisten Romanen Perutz', in der Gegenwart -- in einer Gegenwart, deren Wahrnehmung nicht so eindeutig ist, wie man meinen möchte; und in einer Gegenwart, die einer ihrer Protagonisten durch die Vergangenheit ersetzen will -- bzw. durch das, was er als die wahre Vergangenheit sieht.
In einem Osnabrücker Krankenhaus erwacht der junge Arzt Dr. Amberg aus dem Koma -- die Ärzte versichern ihm, er sei nach einem Verkehrsunfall in Osnabrück sechs Wochen lang bewusstlos gewesen, aber nach Ambergs Erinnerung wurde er fünf Tage zuvor bei einem Aufstand in dem westfälischen Dorf Morwede niedergeschossen, als er sich schützend vor seine Geliebte geworfen hatte. Der Roman wird durchgehend aus Ambergs Perspektive erzählt; man erlebt mit ihm, wie er allmählich im Krankenhaus wieder zu sich kommt und die Ereignisse rekonstruiert, die ihn hierher geführt haben müssen. In seiner Erinnerung war er -- im Gegensatz zu den Beteuerungen der Ärzte -- tatsächlich nach Morwede gekommen und wurde dort Zeuge, wie Freiherr von Malchin, ein undurchsichtiger und charismatischer Rittergutsbesitzer, die Menschheit zur wahren Gottesseligkeit zurückführen und das Heilige Römische Reich deutscher Nation restituieren wollte: Mit Hilfe der Chemikerin Bibiche, einer früheren Angebeteten Ambergs, entwickelte er eine Droge namens "St.Petri Schnee", um den Menschen den echten Gottesglauben zurückzubringen. Malchins zweites großes Ziel war es, alle legitimen europäischen Herrscherhäuser wieder auf den Thron zu bringen -- in Morwede hielten sich u.a. die letzten Abkömmlinge der Staufer und der russischen Rurikiden auf, und auch zu den englischen Stuarts gab es Kontakte...
Doch das Experiment ging schief: Statt allgemeiner Gottseligkeit führte St.Petri Schnee im Dorf zu einer apokalyptisch anmutenden Zerstörungswut der Bauern, zu einem Inferno, dem nichts standhalten kann. (Inwieweit Perutz hier, neben all den anderen Lesarten dieses Romans, auch auf die Ereignisse in Deutschland anspielt, die er während der Niederschrift 1933 von Österreich aus beobachtete, sei dahingestellt. Jedenfalls werden die zeitgenössischen österreichischen Legitimisten hier mit allerdelikatester Ironie aufgespießt.)
Im Krankenhaus nun meint Amberg einige Personen wiederzuerkennen, die er in Morwede kennengelernt hatte; der Krankenwärter z.B. ist in Ambergs Sicht der Wirklichkeit Malchins Gutsverwalter, und dieser wiederum wäre dann kein anderer als Fürst Praxatin, der letzte Rurikide. Je mehr ihm das Krankenhaus-Personal (das in Ambergs Erinnerung samt und sonders aus Morwede stammt und das er unter anderem Namen und in anderer Position dort kennengelernt haben will) seine eigene Version der Geschehnisse ausreden will und ihm versichert, er sei nach einem Autounfall eingeliefert worden, desto misstrauischer wird Amberg: Ist er das Opfer eines gefährlichen Komplotts? Befindet er sich in der Hand von Verschwörern?
Amberg wird misstrauisch und scheint sich immer mehr in seine Version der Wirklichkeit einzuspinnen -- bis ihm der Morweder Pfarrer einen Ausweg aus seiner Lage zeigt.
Perutz verschränkt in diesem Roman meisterhaft Versatzstücke des historischen Romans und eine akribisch rekonstruierende Krimihandlung mit der Frage, wie glaubwürdig die menschliche Wahrnehmung eigentlich ist, und bringt dadurch auch die Selbstverständlichkeit ins Wanken, mit der man normalerweise die eigene Identität betrachtet. Auch wenn man sich relativ schnell sicher ist, welche der beiden einander ausschließenden Versionen die wahrheitsgemäße ist, so liest sich dennoch Ambergs eindringliche, intensive Geschichte nicht wie ein Fiebertraum, sondern wie eine Art Tatsachenbericht eines Augenzeugen ungeheuerlicher Ereignisse.
Perutz' Meisterschaft besteht auch darin, dass er diese Geschichte unglaublich fesselnd präsentiert; sie klingt auf eine surreale Weise plausibel. Sogar der Wendepunkt, das Eingreifen des Pfarrers, der Amberg schließlich sein Dilemma lösen lässt, ist nicht ohne weiteres eindeutig einer der beiden Wirklichkeits-Ebenen des Romans zuzuordnen: Handelt es sich um eine reale Person, oder ist auch diese Begegnung ein Traumerlebnis Ambergs?
Perutz schrieb hier einen phantastischen Roman ohne jedes Mythen-Gewaber, eine psychologische Studie ohne Traktathuberei, eine in der Tradition der Romantik verwurzelte ironische Abenteuergeschichte, -- und vor allem einen spannenden, intelligenten Roman, der ihn ein weiteres Mal als Meister des Unterschwelligen bestätigt.