Konstantin Wecker war klar, dass bei einer Live-Performance, die sich mit dem Thema Liebe beschäftigt, eine extreme "Sülzgefahr" besteht, wie er auch in der Begrüßung sagt.
Diese Gefahr wird zum einen durch humorvolle Einlagen, wie "Texte zum Thema Wollust", "Wenn es keine Bücher gäbe" oder "Der Tango Joe" gebannt, zum anderen aber auch dadurch, dass Wecker - obwohl er sich in erster Linie mit Liebe beschäftigen will, einen gewissen Weitblick an den Tag legt und auch politische, aufrüttelnde Themen mit einbezieht, beispielsweise durch "Die weiße Rose".
Die Sülzgefahr ist also gebannt und zusammen mit seinem treuen Begleiter Jo Barnikel und dem grandios agierenden Spring String Quartet liefert Konstantin ein rundes, vielseitiges Live-Album ab.
Nach "Liebesflug" und "Wenn du fort bist" ist diese CD das dritte Werk Konstantins, dessen Kern die Liebe ist. Die Tournee und somit auch die vorliegende CD basieren dabei auf dem von ihm herausgegebenen Buch "Stürmische Zeiten, mein Schatz - die schönsten deutschen Liebesgedichte", aus welchem auch einige Gedichte, unter anderem Friedrich Schlegels "Du, meine Hand..." (ein Brüller) und das wunderbare "Willkommen und Abschied" von Goethe, vorgetragen werden. Und wie sie vorgetragen werden: Voller Leidenschaft und Herzblut, dabei kommt es in den meisten Fällen zu einem fließenden Übergang zwischen Gedicht und dem darauffolgenden Lied.
Dadurch beweist Wecker wieder einmal, dass er nicht bloß die einzelnen Songs arrangiert und komponiert, sondern das ganze Konzert eine Komposition ist, bei der durchweg ein roter Faden erkennbar ist und die einzelnen Nummern verknüpft sind.
Der lyrische Teil am Anfang wird durch "Liebesflug" kurzzeitig beendet und durch einen humoristischen Block abgelöst, der das Thema Tanz behandelt. Danach wird es politisch, bevor sich Konstantin der Liebe zum Elternhaus widmet. Das Ende hat dann auch irgendwie das Ende - nämlich den Tod und die damit verbundenen Gefühle - zum Thema. Da Liebe und Tod für Wecker untrennbar miteinander verbunden sind, macht dies auch auf dieser CD Sinn.
Die Songs sind, bis auf "Der Tango Joe" (leider eine einfallslose, platte Nummer, die man sich vielleicht besser gespart hätte, wobei man ihr nicht absprechen kann, dass auch sie sehr schön arrangiert ist) und zwei Instrumentalstücke, allesamt Klassiker aus Weckers Discographie, in dieser Hinsicht kann man also nicht viel Neues erwarten, aber dafür sind die Songs, auch dank des Quartets, teils etwas umgeändert und neu arrangiert. Besonders die Version von "Stürmische Zeiten, mein Schatz" mit dem furiosen Finale dürfte die interessanteste des Songs sein, die sich bisher auf CD finden lässt. Das also kaum neue Songs auf dem Album zu finden sind, sollte also nicht enttäuschen. Besonders, weil Konstantin durch die leidenschaftlich vorgetragenen Gedichte für Abwechslung - und Gänsehaut - sorgt.
Für den Sommer 2011 ist dann auch das neue Studioalbum "Zärtlichkeit und Wut" mit 14 komplett neuen Songs angekündigt.
Das Finale der CD wirkt auf den ersten Blick recht unspektakulär und Konstantin konzentriert sich auf leisere Töne. Wer Wecker aber kennt, weiß, dass das Konzert an sich wohl nicht so geendet hat, denn besonders zum Ende hin - bei den Zugaben - laufen er und seine Mitstreiter noch einmal zur Höchstform auf. Allerdings gelingt es, da man hier auf ein bombastisches Finale verzichtete, dass das Konzept-Album noch runder wirkt.
Im Großen und Ganzen gelang Konstantin, Jo und dem Quartet also ein rundes, musikalisch und stilistisch vielseitiges Album rund um das Thema Liebe, das zu keinem Zeitpunkt kitschig, platt oder vorhersagbar wirkt.
Somit ist auch das mittlerweile ca. 16. Live-Album Konstantins, das er selbst als sein bisher reifstes Programm bezeichnet, unbedingt empfehlenswert.