"Eine Welt in Stücken" von Clifford Geertz ist erstmals 1996 publiziert worden und lag einige Jahre nur in deutscher Sprache vor. Der englischsprachige Originaltext erschien erst zwei Jahre später (1998) und wurde dann auch in Geertz` dritte Essaysammlung "Available Light" (2000) aufgenommen. Seither hat der Passagenverlag die ursprünglich 1995 am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) gehaltenen Vorlesungen zur modernen Philosophie in einer zweiten Auflage herausgebracht.
Die drei Vorlesungen tragen folgende Titel: "Eine Welt in Stücken"; "Was ist ein Land, wenn es keine Nation ist?"; und "Was ist eine Kultur, wenn sie kein Konsens ist?" Diese Titel sind Programm, und sie dienen Geertz dazu, die Leserinnen und Leser seines Textes an seinen Überlegungen zur politischen Theorie und anthropologischen Perspektive teilhaben zu lassen.
Der zeitliche Kontext, in dem die Vorlesungen gehalten wurden und dem sie bewusst Rechnung zu tragen versuchen, ist in groben Zügen mit der "neuen Weltunordnung" zu skizzieren, die infolge des Zerfalls der UdSSR und der Auflösung des Ostblocks ihren Anfang genommen hat. Beim heutigen Wiederlesen des 1995 Vorgetragenen fällt besonders positiv auf, wie sehr Geertz Differenzen ernstzunehmen wusste und wie wenig er der Versuchung anheimfiel, große - aber leere - Worthülsen wie etwa "Globalisierung" in den Mund zu nehmen.
Stattdessen bietet er überzeugende Gründe an, wieso derartig breite und universalistisch-selbstgewisse Worte nur scheinbare Ordnungen, den Anschein von Ordnung, produzieren können, tatsächlich aber größere Probleme schaffen.
Die zweite und dritte seiner Vorlesungen widmen sich darum expliziter Begriffskritik. Die eine nimmt "Nation" aufs Korn, die andere "Kultur". Dabei werden in Bezug auf beide Begriffe essentialistische Verständnisweisen, die Nationen und/oder Kulturen als geschlossene und gegebene Einheiten ausweisen, kritisch diskutiert und zurückgewiesen. Gleichzeitig betont Geertz aber dennoch die analytische Notwendigkeit, lokale "kulturelle" Kontexte sehr ernst zu nehmen.
Dies bedeutet im vorliegenden Buch, das die internationale Politik und politische Theorie zum Kernthema hat, dass die unterschiedlichen Vorstellungen, die sich Menschen von der politischen Ordnung machen, sowie die verschiedenen Praxen und Handlungen, die das politische Leben an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten ausmachen, ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden. Ohne dies zu tun, wird - so Geertz - kein angemessenes Verstehen internationaler Beziehungen stattfinden können.
In seiner "dichten Beschreibung" exemplarischer Fallbeispiele, die seine Argumentation untermauern und illustrieren, greift Clifford Geertz - wie kaum anders zu erwarten - häufig auf Indonesien und Marokko zurück; auf jene beiden Orte, an denen er selbst seit den 1950er Jahren wiederholt Feldforschung betrieben hat.
Den Kristallisationspunkt der Reflexionen von Geertz bildet freilich eine tiefe Einsicht, die er gleich zu Beginn des Buches formuliert: Wir "können in Wirklichkeit gar nicht anders, als spezifische Antworten auf unmittelbare Umstände zu geben."
In diesem Sinn lässt sich Geertz` Buch auch als eine Unterweisung im konkreten Denken, als ein Plädoyer für einen Blick fürs Konkrete lesen und, hoffentlich, verstehen...