Bei Sonntagsreden und Talkshow-Auftritten betonen Politiker und Experten gerne, wie wichtig es gerade für Deutschland als rohstoffarmem Land sei, eins seiner wichtigsten Güter, auf einem hohen Standard zu halten: unsere Bildung. Die Realität sieht vergleichsweise ernüchternd, oft sogar erschreckend aus, und wenig ändert sich zum Besseren. Vor diesem Hintergrund ist es sehr erfreulich, dass sich eine Autorin wie Karin Jäckel mit ihrem neuen Buch "Störfall Schule" (Beltz) dieses Themas annimmt: eine Autorin, die fachkundig ist, engagiert, schon mit vergangenen Büchern bewies, keine Angst vor Tabus und Verstößen gegen die politische Korrektheit zu haben, und die überdies ungemein packend zu schreiben versteht.
Im ersten Teil ihres Buches untersucht Karin Jäckel die geschichtlichen Wurzeln der bisherigen Misere. Wie sich unser Schulwesen im Lauf der Jahrhunderte veränderte, ist durchaus interessant zu lesen - richtig spannend wird es aber, als Jäckel auf zwei bedeutende Faktoren der jüngeren Vergangenheit zu sprechen kommt. Der weniger ausschlaggebende ist noch das Erbe der DDR. Die aus dem Sozialismus ins demokratische Bildungswesen übernommenen Lehrer, so zitiert Jäckel eine ehemalige Staatskundelehrerin aus Thüringen, könnten in ihrem Unterricht wie früher hervorragend Zahlen und Fakten abfragen, "aber wie man eine Quelle kritisch analysiert oder kontrovers diskutiert, wissen die Kollegen nicht". Die zitierte Lehrerin selbst sei von ihren Kollegen weggemobbt worden, als sie in ihrem Leistungskurs Geschichte die Schattenseiten der DDR aufrollen wollte.
In diesem Zusammenhang führt Jäckel eine Aufsehen erregende Untersuchung des "Forschungsverbundes SED-Staat" an, die im Jahr 2007 nachwies, dass über 60 Prozent der befragten Schüler in Ost und West die ehemalige SED-Diktatur der DDR für einen demokratischen Staat halten und 40 Prozent diesen im Vergleich zur Bundesrepublik für besser befinden. Jeder zweite Schüler glaubt, dass die zu den größten Umweltverschmutzern Europas gehörende DDR weit sauberer gewesen sei als Westdeutschland, ebensoviele meinen, die Renten dort seien höher gewesen als im Westen. (In Wahrheit umfassten sie 30 bis 40 statt 70 Prozent des jeweils letzten Einkommens). Auch verschiedene andere Legenden, die die DDR in einem absurd positiven Licht erschienen ließen, hält eine beunruhigend große Zahl deutscher Schüler für wahr. Der Bildungsforscher, der die Studie herausgab, merkte zur derzeitigen Situation in den neuen Ländern an: "Wir wissen aus vielen Gesprächen, dass die Lehrer, die gern über die Fakten in der DDR aufklären möchten, vom Kollegium oft bewusst nicht in Fächern wie Geschichte oder Sozialkunde eingesetzt werden."
Als noch gravierendere und vielfach noch stärker tabuisierte Ursache für zahlreiche Fehlentwicklungen kommt in "Störfall Schule" das in mancherlei Hinsicht fatale Erbe der 68er-Ideologen zum Tragen. Unter ihnen, erklärt Jäckel, entwickelten sich insbesondere die etwa von Alice Schwarzer vergötterte Simone de Beauvoir und in kommunistischen Kreisen auch Friedrich Engels zu Ikonen. Einer Grundthese Beauvoirs zufolge war die nicht-berufstätige Frau unfrei, und sie konnte ihre Freiheit nur dadurch gewinnen, dass sie ihre Kinder von anderen Personen betreuen und versorgen ließ. Auch Scheidung und Abtreibung galten als Mittel, die den Zweck der "Frauenbefreiung" heiligten und für die Frauen demonstrierend auf die Straße gingen. Die in fremde Obhut gegebenen Kinder sollten aber auch ihrerseits "aus der elterlichen Zucht und Ordnung befreit" werden, wofür man die antiautoritäre Erziehung erdachte: "Kinder, verkündeten die selbst ernannten Gesellschaftsverbesserer, bräuchten Freiräume, auch sexueller Art, in denen sie ihre natürliche Neugier und schöpferischen Kräfte austoben könnten, ohne darin durch Erwachsene gebremst und 'angepasst' zu werden." Dabei würde die jedem Kind angeborene Hilfsbereitschaft und soziale Kompetenz zur schönsten Entfaltung kommen: "Antiautoritär groß gewordene Kinder würden folglich nie mehr Kriege führen."
Im Zug dieser neuen Glückseligkeits-Ideologie wurde der Vater immer mehr als strafende Instanz der Familie verpönt. Zugleich explodierten als Folge der Frauenbewegung die Scheidungsquoten, so dass die SPD-Regierung in den siebziger Jahren eine Scheidungsreform im Sinne der Gedanken von Friedrich Engels durchsetzte. Diese bestand daraus, dass die "Wohltaten der Scheidung" ohne die "schmutzige Wäsche" der Schuldfrage, was das Scheitern der Ehe anging, vor Gericht zu erhalten waren. Damit, fasst Jäckel zusammen, war der heute etliche Ehen auflösende "Scheidungswahnsinn inklusive der damit verbundenen Vaterentbehrung eingeläutet, die gegenwärtig etwa jedes vierte Kind in einer Schulklasse betreffen und Kinderseelen so stark belasten, dass Verhaltensstörungen auftreten, deren Ausmaß den Unterricht an Schulen in sozialen Brennpunkten bis zur Erfolgsosigkeit behindert."
Das vorbildgebende Beispiel der Eltern und deren Einbindung in die Schulausbildung ihrer Kinder wurden mehr und mehr verdrängt. "Vertrauen Sie uns", teilte man den Eltern an Einschulungstagen mit. "Vertrauen Sie Ihren Kindern. Lernen Sie loslassen." Eltern, die ihre Kinder immer noch erziehen und ihnen Grenzen setzte wollten, wurden von der antiautoritären Fraktion als "Klammeraffen-Eltern", "Gluckhennen-Mütter" und "Kindesunterdrücker" herabgewürdigt. Ergänzend dazu arbeiteten Politiker wie Ideologie-Missionare auf die Beliebigkeit der Familien-Zusammensetzung hin. Von Samenbank-Kindern bis zur Glorifizierung alleinerziehender Mutterschaft war alles mögliche angesagt, solange es nur nicht dem klassischen Familienmodell entsprach. Insbesondere den Vater grenzten die vermeintlichen Weltverbesserer immer mehr aus Familie und Erziehung aus.
Wozu diese Entwicklung in der Gegenwart führte, offenbart sich etwa in einem Interview der ehemaligen Familienministerin Ursula von der Leyen mit der Frauenzeitschrift Brigitte. Dort bekundete Ursula von der Leyen, "dass einen die kalte Wut packt", weil nur 69 Prozent der unterhaltspflichtigen Väter regelmäßig und in voller Höhe Unterhalt zahlten. Sehr zu Recht weist Jäckel hier darauf hin, dass Tausende von Vätern brutal aus dem Leben ihrer Kinder ausgegrenzt werden und über Jahre hinweg bis hin zum europäischen Gerichtshof vergeblich darum klagen, Vater sein und ihre Kinder regelmäßig sehen zu dürfen, statt nur als "Zahlemänner" missbraucht zu werden. Eine passende Lösung, so Jäckel, hätte von der Leyen für ihr Unterhaltsproblem in einer Studie Professor Gerhard Amendts (AGENS) finden können, der darin feststellte, dass Väter, die ihre Kinder regelmäßig sehen dürfen, am zuverlässigsten zahlen und Mütter das Mitspracherecht der Väter am liebsten von deren Einkommen abhängig machen.
Nicht minder aufschlussreich ist eine von Jäckel angeführte repräsentative Langzeitstudie der Familien- und Jugendsoziologin Anneke Napp-Peters, in der diese nachwies, dass alleinerziehende Mütter sich nach der Trennung von einem Partner möglicht schnell von den Einschränkungen befreien möchten, die ihnen die Beziehung auferlegte. "Daher wälzen sie ihre Hausfrauen- und Mutterpflichten gern auf die Kinder ab und kümmern sich auch nicht um deren Hausaufgabenerledigung oder Medienkonsum. Auf Nachfrage entschuldigen sie das eigene Fehlverhalten mit ihrer Erwerbstätigkeit, krankheitsbedingtem Unwohlsein und erzieherischen Maßnahmen zur Verselbständigung der Kinder." Die betroffenen Kinder werden, was etwa Computerspeile, Fernsehkonsum und Telefonate angeht, allein gelassen, und die Clique aus Schule und Nachbarschaft entwickelt sich für sie zum Familienersatz. Entsprechend groß ist der seelische Druck, sich etwa durch Kriminalität und Mobbing über notwendige Grenzen hinwegzusetzen. Hierzu zitiert Jäckel die Jugendrichterin Elisabeth Schröder-Jenner, die schon 1987 feststellte, dass "die meisten der Skinheads, mit denen ich zu tun hatte, Söhne alleinerziehender Mütter" waren, "die nicht die Gelegenheit hatten, sich mit einem positiven Vaterbild zu identifizieren".
Auf die Ausgrenzung der Väter, erklärt Jäckel weiter, folgte bald die Ausgrenzung auch der Mütter aus der Erziehung. Diese begann damit, dass Feministinnen anlässlich der Pekinger Weltfrauenkonferenz in einem UN-Dokument fixierten, dass die Bezeichnung "Mütter" eine Diskriminierung der Frau darstelle und deshalb durch die Formulierung "Frauen in Zeiten der Kindererziehung" zu ersetzen sei. Wohin dieser Irrsinn mittlerweile geführt hat, ist anhand des Umgangs der Medien etwa mit Eva Herman für jeden sichtbar geworden. In immer neuen Studien ging es darum, leibliche Mütter in Deutschland als Totalversagerinnen zu entlarven.
Forschungsaufträge, erklärt Jäckel unter Berufung auf Analysen Gudrun Cyprians von der Universität Bamberg, richteten sich vor allem an der Zielsetzung aus, Familien in ihrem Versagen zu beobachten.
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