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Produktinformation
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Christa Wolf, geboren 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzów Wielkopolski), lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen, darunter dem Georg-Büchner-Preis, dem Thomas Mann Preis und dem Uwe-Johnson-Preis, ausgezeichnet. Sie verstarb 2011 in Berlin.
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Rezension Die Autorin Christa Wolf schrieb „Störfall - Nachrichten eines Tages" unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in den Monaten Juni bis August des Jahres 1986. Da der Name Tschernobyl in diesem Buch nicht genannt wird, ist die geschehene Katastrophe nicht Gegenstand der Darstellung des Textes, sondern der subjektive Bezug zu diesem authentischen Ereignis - ein Äquivalent. Der 26.April 1986, ein Tag an dem die Atomtechnik außer Kontrolle geriet. Die verheerende Katastrophe im Block 4 des Atomreaktors gab Wolf den Anlaß und war auslösendes Moment für die erzählerische Verarbeitung und schien einer Autorin, die gewöhnlich langsam schreibt, von großer Wichtigkeit zu sein. Dadurch wurde es wohl zu einem der persönlichsten Werke Christa Wolfs. Eine als Ich-Erzählerin eingeführte Schriftstellerin hat sich ins mecklenburgische Landhaus zurückgezogen, um ungestört arbeiten zu können. Zwei einander überlagernde unfaßbare Begebenheiten - Störfälle - beanspruchen ihre Aufmerksamkeit, unterbrechen den gewohnten Tagesrhythmus. Ein „Störfall" ist die Reaktorkatastrophe unweit der Millionenstadt Kiew von der die ersten Meldungen mit den morgendlichen Rundfunkmeldungen eintreffen. Ein „Störfall ist aber auch der Gehirntumor, der eine schwere Operation des jüngeren Bruders der Erzählerin an eben diesem Tag nach sich zieht. Die Nachricht vom Reaktorunglück und das Wissen um die Kompliziertheit der Operation, die Hoffnung auf die Kunst der Ärzte und die dazu benötigte medizinische Technik beherrschen an diesem Tag das Denken und Fühlen der Erzählerin, bestimmen ihre Handlungen und Kontakte mit der Außenwelt und bringen existentielle Fragen hervor. Dieser epische Text läßt sich schwer in eine literarische Gattung einordnen, entspricht jedoch am ehesten der einer Erzählung. Die unterschiedlichen, bereits erläuterten Erzählebenen, sind mit- und ineinander verflochten. Beinahe übergangslos und lediglich durch Bindestriche getrennt, werden sie gegenüber gestellt. Es ist kein geschlossener Text: es gibt zwar Organisationspunkte, Tschernobyl und die Operation des Bruders, aber sonst werden die unterschiedlichsten Themen aufgenommen, dargestellt in den Formen des Nachdenkens, in Nachbargesprächen, in Telefonaten, Selbstgesprächen und kritischen Selbstbefragungen. Aus der Reflektionssituation der Ich-Erzählerin stoßen verschiedenartige Sprachen aufeinander: Spontane umgangssprachliche Äußerungen der Ich-Figur stehen in Kontrast zu der Bemühtheit, Sachverhalte der Medizin mit entsprechenden und scheinbar unvermeidbaren Fachtermini zu nutzen. Gleichzeitig erscheinen im Kontext von Tschernobyl neue furchteinflößende Worte auf (GAU, Halbwertszeit, usw.); bekannte Worte gewinnen plötzlich schreckenerregende Bedeutung (strahlen/Strahlung). Zur Fülle und Farbigkeit des Textes tragen auch die mannigfaltigen Zitate und Anspielungen bei. Lieder und Gedichte, Märchen und Mythen, literarische Figuren, wie Faust, Erzählungen und Romane verschiedener Völker und Zeiten werden aufgerufen, die zum Teil nur einem kleinen Leserkreis bekannt sein dürften. Diese sind nur teilweise durch Kursivdruck kenntlich gemacht, lediglich wenige sind durch Angabe von Titel und Verfasser leicht erkennbar. „Störfall" - ein Buch, dessen appellativer Charakter nicht abstreitbar ist. Doch geht Wolf mit dem Buch über eine alarmierende und warnende Zustandsbeschreibung hinaus und unternimmt einen weiter reichenden gedanklichen Schritt, indem sie die Frage, wie es dazu gekommen ist, mit der Überlegung verbindet, ob nicht am Ende gar dem Menschen ein Trieb zur Selbstvernichtung innewohnt. „Störfall" von Christa Wolf ist nach unserer Meinung ein absolut lohnenswertes Buch, daß denen, die Interesse am Thema finden, empfohlen sei. Diejenigen, die sich beim Lesen eines Buches gern zum Weiterdenken und Philosophieren anregen lassen, werden froh sein es gelesen zu haben. Wer jedoch intellektuelle Literatur scheut, greife lieber zu einem andren Buch. Sonst ist es jedem zu empfehlen, der einmal ein außergewöhnliches Buch lesen möchte.
Steffen Jungmann/Robert Rudwaleit
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