"Eine Welt zwar, bist du, o Rom", heisst es am Anfang von Goethes "Römischen Elegien", doch ohne die Liebe / Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom." Was erwartet also den Leser eines Stadtführers, der sich durch das Epitheton "literarisch" von der ausufernden Masse herkömmlicher Rom-Führer unterscheidet? Drei Gesichtspunkte seien hervorgehoben: Da ist zunächst und vor allem die große Bedeutung des Atmosphärischen, denn auf 7 thematischen Spaziergängen von der Antike über das Barock bis in die Moderne, die dem Leser angeboten werden, entfaltet sich Schritt für Schritt die Aura Roms im Spiegel literarischer Impressionen: Sei es, dass man mit den Augen der Hauptfiguren aus Max Frischs "Homo Faber" von einem Grabhügel in der Via Appia in Richtung Tivoli blickt (auf dem Spaziergang "Rom und seine Gräber") oder dass man zusammen mit Siegfried Pfaffrath aus Wolfgang Koeppens Roman "Der Tod in Rom" durch die Via del Lavatore schlendert (im Kapitel "Rom und seine Brunnen"). Der Reiz dieser Betrachtungen besteht nicht nur in der besonderen Wahrnehmungsweise des poetischen Blicks, sondern auch im permanenten Vergleich zur Erfahrungssituation des heutigen Rombesuchers: Erlebt der Betrachter im Jahr 2000 die magischen Orte der Stadtlandschaft wie Piazza Navona, Campo de'Fiori oder Fontana di Trevi ähnlich wie Goethe und Karl Philipp Moritz, Ingeborg Bachmann und Marie Luise Kaschnitz, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud, oder hat sich die Atmosphäre dieser Orte verändert? Hat die Stadt noch die Ausstrahlungskraft des "Saget Steine mir an, o sprecht ihr hohen Paläste", wie es Goethe im Eingangsvers der "Römischen Elegien" formulierte? Ein weiterer Unterschied zu herkömmlichen Stadtführern liegt in der Vielfalt der Perspektiven, die der vorliegende Führer eröffnet, paradigmatisch und unübertroffen formuliert im Titel von Rolf Dieter Brinkmanns Tagebuch "Rom-Blicke". Naturgemäß herrscht in der Stadt der 7 Hügel die panoramatische Aussicht vor, der - zumeist schwärmerische - Blick vom Kapitol oder vom Palatin, vom Pincio oder vom Gianicolo, aber auch den entgegengesetzten Blick aufs vergleichsweise winzige Detail gibt es, en passant zwar, aber voller Nachhaltigkeit, und nirgends so schwermütig und melancholisch wie angesichts der Grabinschriften auf dem Protestantischen Friedhof in der Nähe der Cestius-Pyramide. Kaum ein literaturkundiger Besucher kommt denn auch ohne tiefgründige Reflexion an John Keats Epitaph vorbei: "Here lies One / Whose Name was writ in Water". Und so gehören die Kommentare zu diesen Zeilen, oft selbst in poetischer Form, zum Eindrucksvollsten, was der literarische Stadtführer zu bieten hat. Neben Atmosphäre und Blickwechsel zählt noch ein drittes Element zu den Vorzügen dieser poetischen Streifzüge durch Rom: Gemeint ist die Vielfalt der Stile und Tonhöhen. Wenn ein konventioneller Stadtführer gemeinhin die einzelnen "Sehenswürdigkeiten" in ein und derselben ermüdenden Tonlage oft staubtrocken abhandelt, so wechseln hier ständig die Sprechweisen. Zwar herrscht unter den Texten von über 120 Schriftstellern, Künstlern, Philosophen und Wissenschaftlern der hohe Ton vor, das Schwärmerische, Hymnische und Elegische, wie etwa in Nietzsches "Nachtlied", doch gibt es glücklicherweise zum Ausgleich des enthusiastischen Überschwangs auch eine Reihe frecher, respektloser und unprätentiöser Texte einer jüngeren Schriftstellergeneration im niederen Stil. Robert Gernhardt, Jürgen Theobaldy, Frank-Wolf Matthies und v.a. Rolf Dieter Brinkmann (in seiner "Hymne auf einen italienischen Platz") heben in ihren Gedichten auch "Sehenswürdigkeiten" ins Bewusstsein, die landläufig nicht als solche gelten. Auch die wahrlich nicht geringen Tücken des römischen Alltags, beispielsweise im Supermarkt, auf der Post und in der Bank sind bevorzugte Objekte der "Jungen Wilden", dargestellt in Slapstick-Manier und mit beißender Ironie, man lese nur Uwe Timms wunderbare Geschichte über den Versuch einer Kontoeröffnung in einer römischen Bank. Dieser literarische Romführer hat also, neben der ernsten "Memento mori"-Atmosphäre in Katakomben, Gruften und Schädelstätten, auch durchaus seine amüsanten Seiten, und auch dem Autor selbst, der mit sachkundiger Souveränität die einzelnen Spaziergänge arrangiert und das Netzwerk zwischen den literarischen Stationen kunstvoll geknüpft hat, ist Ironie durchaus nicht fremd: Da wird schon hin und wieder verschmitzt gewarnt vor einem didaktisch hervorragend eingerichteten, aber todlangweiligen Museum, einer wunderschönen, aber hässlich verbauten Aussicht oder vor einer allzu übersteigerten Erwartung an die berühmte Tasso-Eiche. Bleibt zu erwähnen, dass jeder der 7 Spaziergänge durch eine übersichtliche Skizze genau dokumentiert und durch einen Anmerkungsteil abgeschlossen wird, der nicht nur die zitierten Texte verifiziert, sondern auch nützliche Telefonnummern (z.B. für Reservierungen) verzeichnet. Zur Benutzerfreundlichkeit trägt auch das ansprechende Druckbild bei, das zudem durch zahlreiche den Text kommentierende Schwarzweissfotografien aufgelockert wird. Ein Register der einschlägigen Monumente sowie eine Liste der Schriftsteller, die sich in Rom aufhielten, schließen den Band ab.