Aus der Amazon.de-Redaktion
Soziologisch-literarische Forschungsarbeit hat Murakami zuletzt mit der Interview-Sammlung Untergrundkrieg geleistet, die Opfer wie Urheber des Tokioter Giftgasanschlags von 1995 zu Wort kommen lässt. Auch der Icherzähler in Sputnik Sweetheart berichtet von einer Katastrophe, einer unvorhergesehenen Wendung in seinem bis dahin ruhigen Leben. Ungeachtet gelegentlicher Affären pflegt der junge Grundschullehrer eine stille Leidenschaft für Sumire, eine ehemalige Kommilitonin mit schriftstellerischen Ambitionen, wie er eine zwanghafte Leserin und dabei eher weltfremd: "Sie rauchte zu viel und verlor auch bei kürzesten Bahnfahrten unweigerlich ihre Fahrkarte." Als Sumire sich in die erheblich ältere Miu verliebt, gerät das literarische Projekt in Vergessenheit. Erst auf einer Europareise mit ihrem "süßen Sputnik" beginnt sie wieder zu schreiben, um Miu und ihrer mysteriösen Geschichte näher zu kommen.
Über weite Strecken dominiert die Perspektive des namenlosen Lehrerfreundes. Dessen Stimme und Stimmungen kennzeichnet die vertraute Murakami-Mischung aus sentimentaler Melancholie und coolem Hedonismus. "Sie gab mir das Gefühl, erster Klasse zu fliegen", sagt er über eine Geliebte. Seine erotischen Fantasien sehen so aus: "Während die beiden sich leidenschaftlich liebten, könnte ich in einer Zimmerecke sitzen und Balzacs gesammelte Werke lesen." Ist die Komik beabsichtigt? Jedenfalls nervt der kultivierte Snobismus gehörig: "Geht's dir gut?" -- "Ja, ich bin munter wie die Moldau im Frühling."
Viel besser sind die Passagen mit und von Sumire. Auch die hat kitschige Anwandlungen, pflegt aber gleichzeitig einen gesunden Zynismus: "Statt eine Menge zusammenhangloses Zeug zu schreiben, sollte ich mich lieber wieder ins warme Bett kuscheln, an Miu denken und masturbieren. So sieht's aus." Was sie sonst noch über das Schreiben denkt, verrät einiges vom Selbstverständnis des Autors, droht allerdings im Kontext der durchaus spannenden Geschichte(n) -- äußerst verstörend die von Miu -- unterzugehen.
Also: Fans bekommen das, was sie erwarten: magischen Realismus auf asiatische Art, dieses Mal ohne epische Ausuferungen. Neulinge im Murakami-Kosmos dürften von dem literarischen Two-Nights-Stand zwar nicht abgeschreckt werden, als ungleich wirkungsvollere Einstiegsdroge sei ihnen jedoch der zauberhafte Erzählungsband Wie ich eines Tages im April das 100%ige Mädchen sah ans Herz gelegt. --Patrick Fischer
Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
Klappentext
Cosmopolitan
"Bei Murakamis neuem Buch fühlt man sich gleich wieder zu Hause im erzählerischen Sog des menschlichen Chaos."
Welt am Sonntag
"Murakami beschwört das Geheimnis der Liebe als spannende Grenzerfahrung zwischen Traum und Realität. Passend dazu der unwiderstehliche Murakami-Stil: glasklar und rätselhaft zugleich. Kosmisch gut."
SHAPE
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Auszug aus Sputnik Sweetheart. von Haruki Murakami. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Damals kämpfte Sumire verbissen darum, Romanschriftstellerin zu werden. Von all den Möglichkeiten, die das Leben eventuell für sie bereithielt, kam für sie einzig und allein die Laufbahn einer Schriftstellerin in Betracht. Ihr Entschluss stand felsenfest. Kompromisse ausgeschlossen. Zwischen Sumire und ihrer unerschütterlichen Hingabe an die Literatur hätte nicht einmal ein Haar Platz gefunden.
Nachdem Sumire ein staatliches Gymnasium in Kanagawa absolviert hatte, schrieb sie sich im Fachbereich Geisteswissenschaften einer hübschen kleinen Privatuniversität in Tokyo ein. Leider war die Uni überhaupt nicht nach ihrem Geschmack. Sie empfand den Unterricht als phantasielos und lau und war zutiefst enttäuscht. Die Mehrheit ihrer Kommilitonen war für sie hoffnungslos langweilig und mittelmäßig (was leider auch auf mich zutrifft), und sie verließ die Uni abrupt noch vor Ende des Grundstudiums, denn jeder weitere Tag erschien ihr wie reine Zeitverschwendung. Ich hielt ihre Entscheidung für richtig, gestatte mir jedoch den etwas banalen Einwand, dass in unserem unvollkommenen Dasein auch Überflüssiges seine Berechtigung hat. Würde man aus einem ohnehin unvollkommenen Leben auch noch alles Überflüssige streichen, bliebe wohl nicht mehr viel davon übrig.
Mit anderen Worten, Sumire war eine hoffnungslose Romantikerin, eigensinnig und zynisch, und, gelinde gesagt, ziemlich weltfremd. Wenn sie einmal angefangen hatte zu reden, war sie nicht mehr zu bremsen, aber wenn ihr jemand nicht in den Kram passte (was auf den größten Teil der Menschheit zutraf), bekam sie den Mund nicht auf. Sie rauchte zu viel und verlor auch bei kürzesten Bahnfahrten unweigerlich ihre Fahrkarte. Da sie vor lauter Nachdenken zuweilen das Essen vergaß, war sie mager wie die Kriegswaisen in alten italienischen Spielfilmen und bestand fast nur aus unstet umherumwandernden Augen. Da sie es hasste, fotografiert zu werden, und nicht den geringsten Wunsch verspürte, der Nachwelt ein Porträt der Künstlerin als junge Frau zu hinterlassen, besitze ich nicht eine einzige Fotografie von ihr. Was schade ist, denn ein Foto von Sumire aus jener Zeit wäre zweifellos ein außergewöhnliches Zeugnis menschlicher Individualität.
Doch ich will der Reihe nach erzählen. Sumires große Liebe hieß Miu. Alle nannten sie so, sodass ich ihren richtigen Namen nicht kenne (woraus mir später einige Schwierigkeiten erwuchsen, aber ich will nicht vorgreifen). Eigentlich war Miu Koreanerin, das heißt, sie hatte die koreanische Staatsbürgerschaft, sprach aber kaum ein Wort Koreanisch, bis sie mit Mitte zwanzig anfing, es zu lernen. Sie war in Japan geboren und aufgewachsen, und da sie an einem Konservatorium in Frankreich studiert hatte, sprach sie neben Japanisch auch fließend Französisch und Englisch. Sie kleidete sich stets makellos und elegant, trug dezente, aber teure Accessoires und fuhr einen zwölfzylindrigen marineblauen Jaguar.
Als Sumire und Miu sich zum ersten Mal begegneten, sprachen sie über Jack Kerouac, für den Sumire gerade schwärmte. Sie wechselte ihre literarischen Idole mit schöner Regelmäßigkeit, und damals war es eben der ein wenig aus der Mode gekommene Kerouac. Sie trug ständig eine Ausgabe von Unterwegs oder Lonesome Traveller in der Jackentasche bei sich und blätterte bei jeder Gelegenheit darin. Passagen, die sie ansprachen, unterstrich sie und lernte sie auswendig wie heilige Sutren. In ihrer Lieblingsepisode aus Lonesome Traveller verbringt Kerouac drei einsame Monate als Brandwache in einer Hütte auf einem hohen Berg. Folgende Zeilen gefielen Sumire am besten:
Kein Mensch sollte durch das Leben gehen, ohne sich einmal der gesunden, ja langweiligen Einsamkeit auszusetzen, einer Situation, in der er allein auf sich selbst angewiesen ist und dadurch seine wahre und verborgene Stärke kennen lernt.
Ist das nicht einfach toll? sagte sie. Jeden Tag auf einem Berggipfel zu stehen und einen Ausblick von dreihundertsechzig Grad zu haben. Aufpassen, dass nirgends schwarzer Rauch aufsteigt, und das wars. Mehr hast du den ganzen Tag nicht zu tun. Danach kannst du lesen, schreiben, machen, was du willst. Und nachts streichen riesige Zottelbären um deine Hütte. Das ist das Leben, das ich mir erträume. Im Vergleich dazu ist ein Literaturstudium wie ein bitterer Gurkenzipfel.
Das Problem ist, dass man irgendwann wieder von dem Berg runterkommen muss, wandte ich ein. Aber wie üblich machten meine prosaischen und banalen Ansichten keinen großen Eindruck auf sie.