Zugegeben, man erwartet etwas völlig anderes, wenn man man das Buch und vor allem den Text auf der Rückseite betrachtet. Das dort beschriebene "bizarre zweite Leben" der Freundin des Protagonisten existiert in dem Sinne nicht einmal.
Es ist eben kein stinknormaler 08/15-Thriller sondern ein verwirrendes, intelligentes, ungewöhnliches Buch. Mag sein, dass viele andere Erwartungen hatten und deshalb nun diese schlechten Bewertungen abgeben.
Das Buch ist nicht unbedingt durchgehend spannend wie manch anderer Thriller. Wer leichte, geradlinige Krimis nach Schema F sucht, die sich lesen lassen ohne nachzudenken, ist bei "Spur ins Dunkel" wahrscheinlich falsch aufgehoben.
Die teilweise zunächst verwirrenden Sprünge setzen sich erst nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen, einzelne Passagen tauchen mehrmals auf und erscheinen durch weitere Informationen plötzlich in einem ganz neuen Kontext.
Diese Sprünge sind aber keinesfalls wahllos und unverständlich zusammengewürfelt, wie manche Rezensionen hier andeuten. Zugegeben, es gibt Momente in denen man meint nicht mehr folgen zu können, aber der Sinn erschließt sich beim weiteren Lesen. Ich bezweifle fast, dass diejenigen hier, die meinen die Handlung sei nicht zu kapieren, das Buch überhaupt zu Ende gelesen haben, denn so kompliziert ist es nun auch wieder nicht.
Die Handlungssprünge fand ich persönlich überhaupt nicht störend sondern viel mehr sehr spannend. Es hat schon seinen Reiz, wenn einem die Handlung nicht auf dem Präsentierteller serviert wird und einem mit dem Zaunpfahl entgegen winkt.
Abgesehen davon fand ich das Buch sprachlich wirklich schön, die Beschreibungen der teils hässlichen Realität sind schon sehr treffend und detailliert.
Die Idee der "lebendigen Texte" ist ebenfalls originell und hat etwas philosophisches.
Die Handlung an sich ist schnell erzählt. Ein Mann sucht seine verschwundene Frau, stößt dabei auf merkwürdige Internetseiten auf ihrem Computer und folgt der "Spur ins Dunkel", und stößt dabei auf abstoßende und brutale Phantasien über Vergewaltigung und Mord, irgendwo in den Abgründen des Internets und der Realität.
Neben der Handlung ist aber auch die Psychologie des Protagonisten Jason interessant und hervorragend beschrieben. Eine Beziehung aus der die Luft raus ist, zwei Partner -Amy und Jason- die nur noch nebeneinander her leben. Alles andere als eine perfekte Hollywood-Romanze sondern die traurige, hässliche, altbekannte Realität. Was sie ihm bedeutet (und wie viel er ihr bedeutet hat), merkt er erst als es zu spät ist und erkennt erst nach und nach seine eigenen Fehler, seine Gleichgültigkeit und Kälte ihr gegenüber, sein mangelndes Interesse für das was in ihr vorging, was letztendlich erst zu ihrem Verschwinden geführt hat.
Mein Fazit: Ein ungewöhnliches Buch, eines der besten, die ich in letzter Zeit gelesen habe und 5 Sterne wert.
Für jeden, der keinen einfallslosen, geradlinigen Standard-Thriller erwartet, sehr zu empfehlen. Alle anderen sollten sich lieber an die anderen schlechteren Rezensionen halten und sich das Lesen sparen.