Da ich bereits „Hüter der Pforten" gelesen hatte, waren meine Erwartungen an dieses Buch wohl etwas zu hoch gesteckt, rechnete ich doch mit einer Anthologie vergleichbar spannender Erzählungen aus dem düsteren Umfeld des Cthulhu-Mythos. Doch bei „Spur der Schatten" handelt es sich teilweise eher um eine parodistische Persiflage jener Schauergeschichten, die ich eigentlich lesen wollte. Zum Glück gehöre ich nicht zu den wirklichen Lovecraft-Fans, sonst wäre ich von diesem Buch wahrscheinlich dermaßen beleidigt gewesen, daß ich mein Geld zurückverlangt und den einen oder anderen bösen Brief an den Verlag geschrieben hätte. So kann ich den Geschichten, zumindest einigen von ihnen, mit viel gutem Willen einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen. Echten H.P.L. Freaks empfehle ich jedoch, nach der ersten Geschichte „Die Pine Barrens", die einzige „klassische", die halbwegs spannend geschrieben ist, das Buch wegzulegen und lieber mit einer Bibi Blocksberg Hörspielkassette fortzufahren. Lesern, die, so wie ich, eine gewisse selbstironische geistige Grundhaltung pflegen, sei dieses Buch jedoch wärmstens ans Herz gelegt. Einige der Erzählungen sind nämlich dermaßen schlecht, daß sie schon wieder gut sind! Ich habe selten bei einem Buch dermaßen lachen können, wie bei diesem hier. Ich komme in diesem Zusammenhang auch nicht daran vorbei, kurz meine absolute Lieblingsstelle zu zitieren, die, so glaube ich, einen guten Einblick in die Qualität vieler der Geschichten bietet:
„Es klopfte an der Tür. >Das ist merkwürdig<, sinnierte Ms. Conran, >Niemand sollte um diese Uhrzeit hier heraufkommen können, ohne dass der Wachdienst vorher zu uns durchruft. Wer ist da?<, rief sie. >Hier ist Hu!<, kam die Antwort. >Welcher Hu?< >Na, Cthul Hu!< Der unverständliche Scherz sorgte für ein beträchtliches Maß an lautstarker Erheiterung auf der anderen Seite der geschlossenen Tür. Das keckernde Gelächter endete abrupt und wich dem Klang von vielen deftigen Knüffen, Puffen, Watschen, Nasenstübern und Kopfnüssen, die den Betreffenden zugemessen wurden. >Blöde Schoggothen!<, fauchte jemand."
[...]
„Und dann kam - halb kriechend, halb schlurfend - die höchste Ausgeburt kranken, abscheulichen Grauens diese monumentale Prachtstraße herunter, seine peitschenden Tentakel noch immer malerisch behängt mit den klammen Meeresalgen seines versunkenen Königreiches. Unerbittlich näher und näher kam er, während die höllischen Günstlinge seines Gefolges ihn springend umtanzten. Ihre blasphemische Litanei begleitete sein Voranschreiten, bis seine sinistre Masse schließlich über das Büro, den Schreibtisch und die zitternde Marybeth Conran aufragte. >Hi!<, sagte er. >Ich bin Cthulhu. Ich habe ja versucht anzurufen, aber ich bin immer nur auf Ihrem blöden Anrufbeantworter gelandet.< Marybeth fiel in Ohnmacht."
Ich muß jedoch fairerweise erwähnen, daß nicht alle der 18 Geschichten, so wie die, aus der mein Zitat entstammt, FREIWILLIG komisch sind ...
Es gibt aber im Gegensatz dazu auch viele Erzählungen, die sogar richtig klasse sind, aber dafür nicht das Geringste mit Cthulhu & Co zu tun haben, was ich dennoch nicht unbedingt als Negativum werten würde. Als Beispiel dafür sei hier die letzte Geschichte, „24 Ansichten des Fujiyama, von Hokusai" von Roger Zelanzy angeführt. Die Grundstory ist zwar ein Plagiat aus „Der Rasenmähermann" von Stephen King, aber trotzdem ist sie, meiner Meinung nach, das Gelungenste, was Spur der Schatten zu bieten hat; sozusagen ein kleiner Wiedergutmacher am Ende des Buches.
Mein Fazit:
Für Leute, die, wie ich, bei den Filmen „Bram Stoker's Dracula" Tränen gelacht und sich bei Leslie Nielsens „Dracula - Tod aber glücklich" zu Tode gelangweilt haben ein absolutes Muß! Ansonsten eher nicht.
2 Sterne für die klassischen Cthulhu-Geschichten „Die Pine Barrens", „Die Viper" und „Der große Fisch"