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Sprung ins kalte Wasser [Gebundene Ausgabe]

Uwe-Michael Gutzschhahn , Maike Wetzel , Alissa Walser , Silvia Szymanski , Malin Schwerdtfeger , Julia Schoch , Alexa Hennig von Lange , Henriette Kuhrt , Sandra Hoffmann , Bettina Gundermann , Tanja Dückers , Heike Geißler , Simone Buchholz


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Kurzbeschreibung

15. März 2004
Zum Lachen tragisch, zum Heulen schön: Zwölf junge deutsche Autorinnen erzählen Geschichten vom Erwachsenwerden. Da geht es um die Bekämpfung der Wut auf den ersten Verflossenen oder um zwei Schwestern, die unbedingt in die Großstadt ziehen wollen. Ein Buch über und voller Emotionen, mit einem kräftigen Schuss Komik.

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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

In der Nacht, als Jupp starb, schüttete es wie aus Eimern. Es war die Nacht zum 27. November 1980, meine Mutter war seine Tochter und sie hielt ihn die ganze Nacht fest. Ich war damals acht und hielt zu Hause im Spessart Wache vor dem Fernseher. Ich musste ja zur Schule gehen, also hatte ich nicht mitfahren können, als meine Eltern eine Woche zuvor zu Jupp und Oma Rosa nach Hamburg aufgebrochen sind. »Dem Opa geht es nicht gut«, hatten sie gesagt und meine Oma Lisette angerufen, sie möge doch bitte kommen und auf mich aufpassen.Ich erinnere mich noch haargenau an dieses Gefühl zwischen Freude und Verzweiflung. Ich freute mich so, dass ich meine Oma Lisette bald um mich haben sollte, und gleichzeitig wusste ich, dass etwas ganz Furchtbares passieren würde. Ich wusste nicht, was. Und ich wusste nicht, dass es in dieser Nacht passieren würde, aber ich glaube, Lisette wusste es, denn sie war unruhig und schickte mich nicht ins Bett.Jupp war ein Verrückter. Er war das Kind sehr armer Eltern aus Mainz, aber er wollte auf keinen Fall in einer Fabrik arbeiten. Er wollte singen. Er war hoch gewachsen, ein großer und kräftiger Bursche. Er brachte eine reiche Dame dazu, ihm sein Gesangsstudium zu finanzieren. Er hat keinem von uns je erzählt, wie er das gemacht hat. Aber sie zahlte. Sein erstes Engagement hatte er an der Oper in Nürnberg, weit weg von zu Hause. Jupp tröstete sich mit jungen Mädchen. Meine Oma Rosa war die, die er heiraten wollte. Der Vater von Rosa war Schreiner. Er zimmerte ihnen einen Kleiderschrank, weil er Jupp für einen Tagedieb hielt, der es nie zu etwas bringen würde, und seine Tochter sollte doch wenigstens Möbel haben. Ihre Hochzeitsreise war eine zweiwöchige Radtour durch Rosas Heimat, denn Jupp hatte inzwischen ein Engagement an der Staatsoper Hamburg bekommen und für Rosa hieß es Abschied nehmen. Als sie in Hamburg ankamen, hatten sie zwei Zimmer, zwei Koffer, einen Kleiderschrank und auch bald eine Tochter, meine Tante Anne. Jupp konnte endlich in Ruhe singen. Knapp zwei Jahre später kam meine Mutter. Die Nazis waren schon seit ein paar Jahren da. Jupp sang den Sarastro in der Zauberflöte und lief mit einem roten Kommunisten-Schal durch die Stadt. Das mit dem Schal tat er nicht aus politischen Gründen. Das tat er, weil es ihm Spaß machte. Es war einfach sein Stil, Dinge zu tun, die grade nicht angesagt waren.Am Morgen ging ich in die Schule. Es war noch kein Anruf aus Hamburg gekommen und Lisette und ich taten einfach so, als wäre nichts. Wir frühstückten, ich stieg in den Bus, handelte mir eine Fünf in Mathe ein und kam wieder nach Hause. Alles war wie immer. Lisette passte mich auf dem Weg in mein Zimmer ab. Sie war schon damals nicht mehr viel größer als ich, sie war eine wirklich kleine Oma und hatte ihr Leben lang das Gesicht eines jungen Mädchens behalten. In diesem Moment aber sah sie sehr alt aus. Sie hatte nasse Augen und ihr Gesicht hing bis auf den Boden.»Deine Eltern haben angerufen«, sagte sie.Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, wie auch, wenn nicht mal sie es wusste?»Der Jupp ist tot«, sagte sie und sie riss sich so sehr zusammen, nicht auf den Boden zu schauen, dass sie mich richtiggehend anstarrte.»Ich kann das verstehen«, sagte ich, »ich bin ja schon groß.«Was zur Hölle redete ich da? Ich hasste mich für diesen Satz, für diesen beschissenen kleinen Satz, der so unendlich winzig war gegen den Riesen, der letzte Nacht gestorben war. Ich sagte noch mal, dass ich es verstehen würde, dass sie sich um mich keine Sorgen machen müsste, dass ich schon klar käme und dass ich jetzt erst mal in mein Zimmer gehen würde, Hausaufgaben machen. Vermutlich hätte sie mich gern in den Arm genommen, mich getröstet, vermutlich wäre sie auch gern in den Arm genommen worden, denn es war ja ein Opa, der gestorben war, und sie war eine Oma, er war einer aus ihren Reihen und sie wusste, was das heißt. Aber das mit dem In-den-Arm-Nehmen ging nicht. Hätte sie mich in dieser Sekunde angefasst, wäre meine Haut verbrannt, wäre meine Seele geplatzt, wären meine Worte explodiert und was weiß ich noch.Jupp und ich verstanden uns vom ersten Tag an prächtig. Wir verbrachten die Sommer grundsätzlich am Meer. Wir verabschiedeten jedes Jahr die Schwäne auf der Alster in ihr Winterquartier. Wir saßen zusammen in der Oper, backstage. Ich saß auf seinem Schoß, wann immer ich Zeit hatte. Er sang mich in den Schlaf, wann immer er noch nüchtern war. Er akzeptierte meine Stofftiere als gleichwertige Gesprächspartner. Wir hatten einen Platz, der nur uns gehörte, einen Bootsanleger am Wasser. Dorthin gingen wir abends, damit er mir in Ruhe ein paar Geschichten erzählen konnte, ich an seiner Hand, ganz nah an den seltsamen Stoffen, aus denen seine Klamotten bestanden. Er hatte ein totales Faible für synthetisches Material und für die Farben Beige und Weinrot. Ein typischer Jupp sah so aus: Beige Gabardinehose, beiges Polyesterhemd, weinroter Polyacrylpulli mit V-Ausschnitt, Äppelfräcksche. Ein Äppelfräcksche ist die gute Jacke des einfachen Mannes aus Hessen, die nur zu besonderen Anlässen angezogen wird, etwa für einen Besuch in der Äppelwoi-Spelunke ums Eck. Das, was Jupp »Äppelfräcksche« nannte, war selbstverständlich beige, ein Baumwoll-Synthetik-Gemisch und hatte ursprünglich die Form eines schmal geschnittenen Blousons. Er liebte das Äppelfräcksche heiß und innig, fast so sehr wie ich ihn, aber das Gleiche, was Menschen im Laufe ihres Lebens passiert, passierte auch dem Äppelfräcksche: Es ging mehr und mehr kaputt. Es verlor seine Form, es verschliss, zum Schluss war es an den Ellenbogen so abgewetzt, dass Oma Rosa es auch mit Lederflicken nicht mehr retten konnte. Wir beerdigten es feierlich in der Altkleidertonne und Jupp trug fortan nur noch Trenchcoat, wenn auch widerwillig.Draußen vor meinem Fenster regnete es unseren Garten zu Tode und ich dachte an das Äppelfräcksche. Ich hatte den idiotischen Gedanken im Kopf, dass es Jupp bestimmt gar nicht so schlecht gehen würde im Himmel, weil das Fräcksche ja schließlich auch da war. Ich hatte schon viel geweint in meinem kleinen Leben, aber bisher war es immer ein Kinderweinen gewesen, weil ich mir die Knie aufgeschlagen hatte, wütend war oder ängstlich. Ich hatte noch nie zuvor einen Verlust erlitten, der so unendlich wehtat, der mir die Luft nahm und mir die Kehle zuschnürte.Es war etwas geschehen, was nicht mehr geschehen war, seit sie zwischen meiner Mutter und mir die Nabelschnur durchtrennt hatten: Eine Verbindung zwischen mir und einem Menschen war gekappt worden. Jupp und ich waren auf eine mir damals unverständliche und unerklärliche Art beisammen gewesen, wir waren Blutsbrüder, Sisters in Crime. Ich hing an ihm wie er an der Flasche, er gab mir Mut und Zuversicht, seine Stimme, sein Witz, seine Traurigkeit, all das schien auch meins zu sein, ich war seine Enkelin, er strömte durch meine Adern und drang durch jede einzelne meiner Poren hinaus in meine Welt. War er in meiner Nähe, war ich an seiner Hand, waren wir beide glücklich und ruhig. Und das Schreckliche, das ich damals noch nicht begriff, sollte mir später, mit jedem Jahr meines Lebens klarer werden: Wir hatten nur acht gemeinsame Jahre. Wir wurden getrennt, als unsere Geschichte noch längst nicht vorbei war.

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