Das Buch setzt zum ganz großen Wurf an: Von "Neuerfindung von Gesellschaft" ist im Titel die Rede und bereits beim Lesen des ersten Kapitels (welches den Gedankengang des Buches verdichtet vorweg nimmt) wird klar, dass hier tatsächlich viele gesellschaftliche, ökonomische und politische "Selbstverständlichkeiten" mutig hinterfragt werden. Das Buch ist radikal im besten Wortsinn: Es geht an die Wurzeln heutiger gesellschaftlicher Probleme und analysiert Themengebiete wie Erbantriebe und Egoismus vs. Evolution von Kultur und Gemeinschaft, Fragen der Motivationspsychologie und wie wir die Welt durch unsere eigenen Filter wahrnehmen. Immer wieder musste ich beim Lesen heftig nicken oder auch schmunzeln angesichts der vielen pointierten Beschreibungen: ja, so ist es, so deutlich liest man es selten!
Auf Basis der Analysen werden konkrete Lösungsansätze angeboten. Eine wichtige Position nimmt hierbei die Bildung ein, die insbesondere den Menschen in seiner bewussten Entwicklung unterstützen soll (Stichwort "persönliche Meisterschaft") und die eine Grundlage ist, dass Werte wie Kultur und Gemeinschaft als höher erfahren werden als Konsum und Egoismus. In diesem wie in anderen Bereichen verweist Hansch auch auf viele wertvolle Überlegungen anderer Autoren und so ist seine Literaturliste eine schöne Fundgrube. Auch wenn mancher seiner Vorschläge weit in die Zukunft blickt, so gibt es doch vieles, was die Politiker direkt in ihre Programme aufnehmen könnten.
Ich persönlich bin nicht mit allen Vorschlägen/Meinungen im Buch uneingeschränkt einverstanden, manches hätte vielleicht auch besser lektoriert werden können und an (wenigen) Nebenschauplätzen wird für meinen Geschmack etwas schnell "aus der Hüfte geschossen" (z.B. Hanschs Bemerkung zu Nahtoderfahrungen). Doch das ist für mich kein grundlegendes Problem, zumal der Autor selbst vorweg nimmt, dass bei vielen Punkten weitergehende Diskussionen und Detailarbeit erforderlich sind. Und es geht ja auch gerade um die wirklich großen Schritte: Die Politik verliert sich heute fast nur noch in Details und Nebensächlichkeiten, während gesellschaftliche Fundamente unbeachtet zerbröckeln. Da sollte jede ganzheitlich weit nach vorne schauende Idee willkommen sein. Dieses Buch hat sehr viele davon. Ich wünsche mir für unsere Gesellschaft, dass "Sprung ins Wir" viele Leser findet: Fünf Punkte!