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Sprung aus den Wolken
 
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Sprung aus den Wolken [Broschiert]

Franz Dobler


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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Bodenständig, aber light

Franz Doblers «Dance Hall Stories»

Der Mann kommt aus der Provinz, er ist Provinzler mit Haut und Haaren, und er weiss es. Wie jeder, der es weiss, hat er ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Herkunft. Der da auf der Veranda im Schaukelstuhl sitzt und seiner kleinen Tochter von seiner ersten Begegnung mit der Mama erzählt, ist kein schläfriger Kleinbürger, sondern ein wacher Herumtreiber, einer, der ausgerissen ist, ohne dabei die Wurzeln auszureissen.

«Ich war 19, als ich unserer schönen Kleinstadt adieu sagen und in die nächste Grossstadt verschwinden konnte», erzählt er ironisch-eindeutig. «Endlich konnte es losgehen mit den Abenteuern, die Nacht zum Tag machen, die Frau zum Objekt und die Zukunft zur Sau.» Die klassische Wegscheide: Entweder wird der Trip, auf dem das Bauerntrampel die Sau rauslässt, zum trendangepassten Umweg ins endgültige Spiesserdasein oder – es wird zum Künstler. Ein paar Sätze später ist alles klar: «Ich verliebte mich ins Strassenbahnfahren.» Ihn begeistert der «endlose Dokumentarfilm, der da draussen vor dem Fenster lief». Und der drinnen. Also kein Umweg, sondern das Unterwegssein als Tätigkeit – nichts anderes ist ja Kunst: «Ich machte es nicht nur, um von da nach da zu kommen, sondern zockelte oft stundenlang durch die Stadt, ohne ein Ziel zu haben.»

Die Rede ist von Franz Dobler bzw. von seinem neuen Geschichtenband «Sprung aus den Wolken» bzw. von beiden. Von Autor «und» Protagonist zu sprechen wäre verfehlt, denn die Unterscheidung trifft hier nicht. Dobler erzählt, er erzählt vornehmlich von sich. Er ist sein Ich. Was ist das? Semi-Literatur? Bekenntnis? Subjektives (Polit-)Feuilleton? Szenegeplauder? Blödsinn. Es sind «Dance Hall Stories», halbprivate, jedenfalls mündlich gehaltene und dennoch stilistisch eigenwillige Gelegenheitserzählungen.

«Künstler» ist demnach nicht ganz die richtige Bezeichnung für Dobler, denn das freistehend Elitäre bis Esoterische, das diesem Begriff anhaftet, ist seine Sache nicht. Er hat Boden unter den Füssen, wenn auch rollenden, und die Lebenshaltung von On the Road und Lost Generation, in die Jetztzeit gewandt, leitet ihn. Als Bayer gehört er zur deutschen «Region schlechthin». Einen den bayrischen Bayernkritikern von Oskar Maria Graf bis Herbert Achternbusch verwandten, themen- und stilprägenden widerborstigen Traditionalismus verbindet er in seinen kurzen Prosatexten mit dem Zeitgeist, der ihm um die Nase weht. Denn er ist rührig, der Franz Dobler, und kommt herum, nicht nur im Süden der USA, wo er die dortigen kommerziell verschütteten roots der Regional- und Subkulturen sucht, sondern auch in der Republik, als Musiker und Musiklektor, als Mitherausgeber des Magazins «Trash», als Stipendiat und Lesereisender. In den Niederungen wehte ihm denn auch der Wind entgegen, weil die Ungebrochenheit seiner national-regionalen Vorlieben (und, könnte ich hinzufügen, seines lonesome cowboy self-image) die Kollegen von der Correctness-Fraktion beunruhigte.

Wie die «flüssige Prosa» «Bierherz» zeugt auch «Sprung aus den Wolken» vom Fehlen jeder literarischen (und antiliterarischen) Prätention. Von den 17 Titeln des Inhaltsverzeichnisses, die auf unterschiedlichste Texte unterschiedlicher Knappheit verweisen, beweist «In der Tanzhalle» den Charakter des Bändchens: In einer faksimilierten Graphik werden die zusammengesammelten Texte editorisch kommentiert. Eine Kompilation war schon «Bierherz», in das ein Reisebericht aus Cajun-Louisiana, Teil eines jüngst dazu erschienenen Reisebuches von Dobler und anderen, einging. Kompilatorisch auch die Stilmischung: Mal sind es poetisch-prägnante Beschreibungen und Erinnerungsbilder, mal biographische «Tätowierungen» – eine Kneipenszene, ein Kinobesuch, ein Job; hier ein drehbuch- und regiereifer Dialog mit dem Verleger, da eine satzzeichenlose Assoziationsreihe zu einer Zugfahrt nach Bern und Lesung dortselbst. Und, ja: Fiktives, gar Science-fiction kommt auch vor, doch diese Stücke, das sei vorweg gesagt, sind Bruchstücke, Übungen, mehr nicht.

Jedenfalls, das ergibt sich schon aus diesen schlichten Beobachtungen, muss man Dobler vor einigen der Freunde in Schutz nehmen, die er anlässlich seines ersten Romans, «Tollwut» (1991), gefunden hat und die ihr Lob nicht anders denn mit billigen Invektiven gegen die deutschen «Lektorenlieblinge» (von wegen!) anbringen konnten, die – im Gegensatz zu Dobler – nicht mehr an Geschichten, sondern an «hochartifiziellem sprachlichem Kunsthandwerk» interessiert seien, weil sie nichts vom «richtigen Leben» wüssten. Wahr ist: In «Tollwut» wird satt und dabei nicht glatt, sondern holperig, kantig, originell, drastisch erzählt. Wahr ist aber auch: Dobler experimentiert, und damit unterscheidet er sich nicht prinzipiell von denjenigen, die mit dem wohlfeilen Modeschimpfwort «experimentell» belegt werden.

Die Stärke von «Tollwut» war der Gebrauch der Umgangssprache, der kräftigsten und empfindlichsten Sprache überhaupt. Diese Stärke wird allerdings in Doblers Kurztext-Kompilationen zur Schwäche. Ob der Erzähler nun eine Alltagsszene wiedergibt oder ob er über den Literaturbetrieb nachdenkt («Weil ich keinen Betrieb brauche, sondern nichts weiter als ein paar Leute, mit denen ich gut zusammenarbeiten kann. Mit guter Zusammenarbeit meine ich mehr als nur okay [was ja auch schon ziemlich viel ist] . . .»): Die Umgangssprache verliert die Unschuld, die sie erst so reich macht, und wird zum selbstgefälligen Naivitätsgetue, das sich jede Schludrigkeit erlaubt. Die Gesamtentwicklung hat dementsprechend Imbiss-, wenn auch nicht Fast-food-Qualität: Die Texte lassen sich leicht konsumieren, doch ein zweites Lesen vertragen sie nicht, Texte wie Leser. Was folgt? Dobler hat schon (zu) viele Ratschläge bekommen, von «weiter so!» bis «so bitte nicht». Er weiss es wohl selbst am besten, und deshalb soll es hier mit seinen Worten gesagt werden, die – wie so oft – die Musik betreffen: «So lange Stücke haben die Eigenart, dass man nicht weiss, ob man noch lebt, wenn sie zu Ende sind.» Zugegeben: viel verlangt!

Dorothea Dieckmann

Kurzbeschreibung

Beim Tanzen erzählt man sich keine Geschichten. Aber dann beim Ausruhen. Geschichten über die Liebe, die Arbeit, die Politik, den merkwürdigen Traum gestern nacht. Das sind Dancehall Stories.
Nichts Weithergeholtes verstellt Franz Doblers Blick auf die Welt. Aus der Erinnerung an einen Schulfreund, dem Telephonat mit der Mutter oder dem neuen Lieblingssong werden autobiographische Skizzen, waghalsige Erzählungen, musikalische Portraits und politisch-literarische Mitteilungen, die dem Alltag an den Rändern des geregelten Lebens verpflichtet sind.

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