Wenn ein ehemaliger katholischer Gelehrter bejahend auf Marx trifft, dazu die Freiwirtschaftslehre Gesells mit ins Boot nimmt um den ganz großen Wurf zu wagen (wie der unbescheidene Titel schon verspricht), dann darf man von vornherein ein Gedankenfeuerwerk erwarten. Das allerdings besteht aus krachenden Böllern, bunten Raketen und Stinkbomben ebenso wie aus knisternden Kurzschlüssen, Rohrkrepierern und Blindgängern. Dass man es bei Johannes Heinrichs mit einem eigenständigen Kopf, einem Querdenker zu tun hat, der die Platitude meidet wie der Teufel das Weihwasser, merkt man von der ersten Zeile an.
Mit zum Teil an Arroganz grenzendem Selbstbewusstsein wischt Heinrichs alles beiseite, was im Wege steht - Habermas, Luhmann, Heidegger u. a. werden in Nebensätzen abgefertigt - und hebt neue Helden aufs Piedestal, die nur wenigen Teilnehmern in marginalen Theoriediskussionen ein Begriff sein dürften: Kleinhappl, Hohoff etc., und das gilt wohl auch noch immer für Silvio Gesell. Vor allem feiert er sich selbst als Retter von Philosophie und Ökonomie, denn sein letzter Satz (ein Zitat) "Die Förderung gemeinsamer Interessen der Menschheit hängt davon ab, dass eine geeignete philosophische Grundlage zur Verfügung steht", heißt wohl nichts anderes, als dass Heinrichs sich selbst für diesen Verdacht - die geeignete Philosophie, alle Weltprobleme lösen zu können, vorrätig zu haben - zur Verfügung stellt.
Dabei ist der großtheoretische Ertrag eher mager, der in zwei wesentlichen Punkten besteht: "Erstens ein Geldsystem im Sinne der natürlichen Wirtschaftsordnung. Zweitens die Viergliederung des sozialen Ganzen." Punkt 1 ist dabei durch die Marxsche "Kapital"-Mühle gedreht worden, was der Freiwirtschaft in der Tat gut tut und nebenbei zu Recht Schluss macht mit weltanschaulich motivierten Verteufelungen und Vereinseitigungen eines der komplexesten Denker der letzten Jahrhunderte; Punkt 2 besteht in der vielfach wiederholten Melodie, das wirtschaftlich-technologische, das politische, das kommunikativ-kulturelle und das weltanschaulich-religiöse System jeweils voneinander zu trennen und zu begreifen, "dass es sich um reflexiv gestufte, aufeinander aufbauende und institutionell zu unterscheidende Systemebenen handelt". Letzteres nun sei neu! Hm!
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als führte der antitrinitarische und später meta-dialektische und post-anthroposophische (alles Trinitäten) Befreiungsschlag des "Katholomarxisten" (no offence) nicht weiter als bis zur - 4, in Worten: Vier. Die Vier wird wie ein Fetisch vorweg getragen, als Johannes-Heinrichs-Banner gleichsam, als sage sie an sich schon etwas aus.
Möglicherweise erklären andere Bücher Heinrichs, vor allem systematischer angelegte, hier mehr, denn bei vorliegendem Werk handelt es sich um eine eher notdürftig zusammengenagelte Aufsatzsammlung, die das Kleinste (Theoriediskussionen innerhalb der Gesellschaft Jesu "Societas Jesu") mit dem Größten (Europa- und Weltverfassungspläne) zu vereinen sucht und dabei so tut, als wäre das eine organische Einheit.
Daran, an seinen globalen Ansprüchen scheitert das Buch, denn selbstverständlich ist auch dieses nicht der angesagte Sprung aus dem Teufelskreis. Aber es enthält noch immer so viele spannende und ungewöhnliche und sogar ernst zu nehmende Gedanken und Ideen, dass man es noch immer all jenen empfehlen muss, die nach einer prinzipiellen philosophisch-ökonomischen Alternative suchen. Man sollte sich nur von den Idiosynkrasien des Autors nicht ins Bockshorn jagen lassen.
Als Stimme im Meinungsparlament einer fundamentalen Wendebewegung sollte man Heinrichs unbedingt hören (Aber um Gotteswillen, gebt ihm keine Macht)!