Vorweg: Ich habe zum Glück das Original "Talking to strange men" gelesen und nicht die anscheinend nicht so gute Übersetzung.
Wenn es sechs Punkte gäbe, ich hätte sechs gegeben. Die erstens zwanzig Seiten fand ich befremdlich und hatte eigentlich gar keine Lust weiterzulesen, aber dann hatte sie mich. Das Setting ist eine fiktive westenglische Mittelstadt um 1990. Es gibt zwei Erzählstränge, die aufeinanderzulaufen. Der eine zentriert sich um den fünfzehnjährigen Mungo Cameron, Sproß einer wohlhabenden, intellektuellen Arztfamilie, Internatszögling und Leser von Spionageromanen, der mit diversen ähnlich privilegierten Kids ein etwas mehr als nur spielerisches "Spionagenetzwek" betreibt, wobei es zwei konkurrierende "Geheimdienste" gibt, die sich gegenseitig übertrumpfen und zu infiltrrieren suchen. Der andere, wichtigere Strang wird auschließlich aus der Perspektive des von anderen als langweilig und spießig charakterisierten John beschrieben, einem Mann um die vierzig, der in einem Markt für Gärtnereibedarf arbeitet und sehr einsam wirkt. John ist die eigentliche Hauptfigur des Buches, an seinem Schicksal nimmt man den stärksten Anteil und er hat hier die stürmischsten Erlebnisse. Bis zu deren Tod hat John bei seinen Eltern gelebt, danach hatte er unerwartet eine große Liebe gefundet, war aber von dieser nach zwei Jahren Ehe wieder verlassen worden, weil der Ex der Dame, ein unerträglich arrogant und schnöselig auftretender, aber arbeitsloser Oxfordabsolvent, wieder aus der Versenkung auftauchte und die Lady zurückbegehrte. Wir begegnen John während der Phase nicht überwundenen Liebeskummers in großer seelischer Not. Am Rande beschäftigt ihn auch noch der Tod seiner Schwester, die mit neunzehn oder zwanzig stranguliert aufgefunden wurde; der Fall wurde nie aufgeklärt. Wie Rendell die beiden Erzählstränge zusammenführt (quasi ohne dass die Protagonisten wissen, dass sie jeweils in der Geschichte des anderen eine wichtige Rolle spielen), wie sie die Spannung mit Krimielementen führt, eben ohne das ein banaler Krimi daraus wird, wie am Ende sowohl Mungo als auch John eine subtile Veränderung durchgemacht haben, wie liebevoll auch Nebenfiguren gezeichnet sind, wie hier die ganze Absurdität der Lebens und ganz nebenbei ein Gesellschaftsporträt gezeichnet wird, das ist wirklich toll zu lesen und ganz großes Kino. Ein kleines bisschen traurig war ich am Schluss, dass uns nicht ein optimistischeres Zeichen betreffs einer möglichen neuen Beziehung Johns zu der Polizistin gegeben wird, aber andererseits passt es auch wieder, dass Rendell das offen lässt. Ich habe lange keinen Roman mehr so gerne gelesen. Aufwühlend, beschäftigt einen noch tagelang; ich habe auch davon geträumt. Ach, was soll ich sagen: einfach Klasse.