Mit Freude habe ich Elisabeth Leiss' Sprachphilosophie bestellt - kannte ich die Autorin doch aus der Fachliteratur der Germanistischen Linguistik. Bspw. sind Ihre Publikationen zur Passivforschung intellektuell und wissenschaftlich hochwertige Werke.
Umso enttäuschter war ich von ihrer Einführung in die Sprachphilosophie:
Zwar ist Leiss' Ansatz die Sprache aufzuwerten und die Sprachphilosophie einer linguistischen Praxisnähe umzumodellieren, lobenswert, doch in keiner Weise in ihrer Einführung umgesetzt. Eher erhält man einen krampfhaften Versuch einer ewiggestrigen Rehabilitierung des Realismus' (man muss sich hier eingestehen, dass dies rhethorisch auf einem sehr hohen und schön lesbarem stilistischen Niveau geschieht), der gerade im Bereich der Semantik so praxisnah ist, wie Schweine in Deutschland Flugscheine erwerben können.
Nur ein paar kurze Highlights der irrsinnigen Diskussionen in diesem Buch:
I. Ideologisch
Es ist klar, dass jeder Text ideologisch ist. Anzuerkennen ist auch, dass Leiss'dies direkt in der Einleitung sagt, dass sie für einen sprachphilosophischen Realismus werben will (Bertram/Lauer/Liptow/Seel: In der Welt der Sprache - kommen da erst in ihrem letzten Kapitel darauf zu sprechen und verkaufen das auch noch so, als wären sie selbst von ihren Thesen überrascht - als Leser fühlt man sich da veräppelt.). Die Art und Weise wie sie dafür argumentiert, ist jedoch mehr als fraglich. Autoren werden nicht inhaltlich, sondern emotiv persönlich diskreditiert: So wird Kant einfach mal als Sturbock über Seiten dargestellt - und darin besteht die Hauptargumentation und- auseinandersetzung gegen seine Sprachtheorie (die er nie so explizit wie in Leiss' Werk dargestellt als Sprachphilosophie entwickelt hat.).
II. Manipulativ
Daran anschließend kann man konstatieren, dass ein Großteil der Argumentation durch soziale Aufwertung der Autoren realistischer Positionen und eine soziale Abwertung der Gegenposition geschieht. Stellvertretend soll hier die Analyse des Kratylos-Dialoges genannt werden. Hier wird Hermogenes Position nicht inhaltlich widerlegt, sondern schlicht festgehalten, dass Sokrates Hermogenes' Position nicht ernst nähme (allein diese These ist schon sehr gewagt) und deshalb Hermogenes' Position nicht stimmen kann.
Des Weiteren findet man eine ständige Vermischung der Argumentationsebenen zwischen inhaltlicher Reproduktion, Kommentierung und persönlicher Meinung. Hier wird auf der Textebene nie zwischen den kommunikativen Funktionen getrennt, sondern alles vermischt.
III. Argumentative Schwächen in der Darstellung von sprachphilosophischen Theorien
Auf pragmatische Gegenpositionen wird kaum referiert und wenn Austin und Wittgenstein II dargestellt werden, werden sie kurz mit einem Autoritätenargument (bspw. wird die Wittgenstein II Forschung nur auf Vossenkuhl reduziert) abgehandelt und beide als Realisten dargestellt. Gerade in der angewandten Linguistik (Semantik, Pragmatik, Textlinguistik und Soziolinguistik) wird gerade darauf hingewiesen, dass diese Theorien nicht realistisch, sondern konstruktivistisch gedeutet werden und so dem Sprechen und der Sprache einen ganz besonderen Stellenwert im gesellschaftlichen Gefüge zugesprochen wird.
Es wird hier aber keine differenzierte Diskussion über diverse Auffassungen zu diesen Theorien geführt, sondern Austin und Wittgenstein II einfach als Realisten genannt.
IV. Inhaltlich problematisch
Einen traurigen Höhepunkt erhält das Werk in der Diskussion zur linguistischen Relativitätstheorie (Sprache formt unser Denken und so unsere Erkenntnis der Wirklichkeit) und wird als Antipode zum Realismus geführt (so weit unproblematisch), aber gleichzeitig - und das ist das Gefährliche - unter Rassismusverdacht gestellt. Dies mag vielleicht für einige Forschungen stimmen (man kann hier Leiss' Thesen nicht nachvollziehen, die Sekundärliteratur, die sie unter Rassismusverdacht stellt, sind weitesgehend unbekannt), kann aber nicht für die gesamten Relativisten generalisiert werden, wie es Leiss jedoch tut.
Fazit: Das Werk ist eine gut lesbares (vielleicht liegt daran auch das Problem), aber undifferenziertes, höchstideologisches, die Fachliteratur nicht korrekt widergebendes, Texteben vermischendes Plädoyer für den Realismus. Damit wird die Sprache nicht aufgewertet - sondern die Wirklichkeit, deren Unterordnung der Sprache die Konsequenz ist. Auch eine linguistische Praxisnähe wird damit nicht erreicht - dafür hat die angewandte Linguistik sehr gute Gegenargumente zu bieten. Eine einseitige Diskussion, die nur durschaubar ist, wenn man die Basistexte, die Leiss behandelt, genau kennt und ihrer sehr verengten Darstellung von den Texten selbst her widersprechen kann.