Ja, das waren noch Zeiten, als die Feuilletonisten des Landes Kurt Tucholsky, Siegfried Jacobson oder Alfred Kerr hießen...
"Sprache ist eine Waffe" enthält eine repräsentative Zusammenstellung von Tucholskys Sprach-, aber auch Literatur- und sonstiger Kritik, und zwischen den Zeilen liest man oft genug von seinem Leiden am Ungeist der Zeit. Aber keine Sorge, nirgends müffelt ein unübersehbar verstecktes "Ach guckt her, ich bin ja sooo sensibel" vor sich hin. Schließlich lesen wir hier Tucholsky, und ein Tucholsky (alias Kaspar Hauser, alias Peter Panter, alias Theobald Tiger, alias Ignaz Wrobel) überlässt die intellektuelle Bankrotterklärung anderen, um sie alsbald genüsslich zu filetieren. Sprache verrät so manches, und Tucholsky witterte früh den Unrat.
Wenn Tucholsky die Sprache als Waffe verwendet, dann meint er mit "Waffe" nicht "abgesägte Schrotflinte", sondern irgendwas elegantes, Florett vielleicht. Jedenfalls trifft er nicht nur, sondern ficht auch elegant wie kaum ein zweiter mit seiner Feder. Touché!
Wolfgang Herings Sprachglossen-Zusammenstellung ist gelungen und enthält neben einigen der berühmtesten Tucholsky-Satiren ("Ratschläge für einen schlechten Redner", "Kolossal berühmt") auch relativ unbekannte Perlen der Meistersatire. Und obwohl einiges deutlich zeitbezogen ist, kann man heute noch lachen, mehr noch: Manchmal wird man den Gedanken nicht los, Tucholsky habe prophetische Fähigkeiten besessen, wenn er z.B. in "Neudeutsch", "Der neudeutsche Stil" oder "Der Quatsch" sprachliche Unsitten anprangert. Man ersetze in der Glosse "Deutsch" einfach die Vokabel "deutsch" durch "innovativ", "global" oder "spannend", dann weiß man, was Tucholsky gemeint hat mit "Die ganze Borniertheit des Nationalismus spricht aus diesem Adjektiv".
Unbeschwerte Schmunzelware für die besinnliche Familienfeier abzuliefern ist nicht seine erste Absicht, auch wenn einen beispielsweise "Machen'S halt eine Eingabe!" oder "Jonathans Wörterbuch" bei jedem Lesen von neuem loskichern lässt; Tucholsky sticht gnadenlos zu.
Und manchmal vergeht einem schier das Lachen, nämlich dann, wenn man aus heutiger Sicht nur zu gut weiß, dass seine apokalyptischen Satiren von der Wirklichkeit noch locker überholt worden sind (z.B. "Der musikalische Infinitiv" oder "Na, mein Sohn?").
Tucholsky-Kenner und solche, die's werden wollen, werden's schon wissen: Treudeutschen Bierernst wird man hier nicht antreffen, auch keine Weitschweifigkeit, keine Kundgebungen auf Stelzen, kein Blähdeutsch. In rauhen Mengen vorfinden wird man stattdessen scharfe Beobachtungen, geschliffenes Deutsch, einen klugen Kopf, hinterhältigen Witz, gelegentlich auch Gift und Galle -- letzteres vollendet formuliert, in Sätzen, die man sich merken will. Egal nämlich, was Tucholsky im Visier hat, eines ist sicher: Es darf gelacht werden.
So oder so lautet die Empfehlung: Wer Tucholskys scharfen Blick und seine nicht minder scharfe Feder kennenlernen will, ist hier genau richtig. Wer wissen will, wie die Goldenen Zwanziger in Berlin und anderswo von hinten aussahen, oder wie ihnen nach dem Gala-Auftritt in der Garderobe das Make-up nur so vom Gesicht tropfte, ist auch goldrichtig hier und wird jede Menge Nahaufnahmen entdecken -- am deutlichsten im Kapitel "Aus dem Rinnstein geklaubt", aber auch anderswo ist Tucholsky fündig geworden.
Richtig ist hier auch, wer nach einer Überdosis Wochenend-Beilage befürchtet, er habe vergessen, was gute Sprachkritik leisten kann. Genau richtig ist hier eigentlich jeder, der Geistreiches lesen und drüber lachen will, und zwar Geistreiches mit Rasierklingen an den Ellenbogen.