Dieses Hörbuch ist einfach wunderbar. Der Graf liest seine Autobiografie, und er tut das großartig. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass ein begnadeter Musiker auch ein begnadeter Vorleser ist, doch in diesem Fall kommt beides zusammen. Mit viel Humor, aber zuweilen auch mit großer Ernsthaftigkeit spricht er sich die Dinge von der Seele, die er uns mitteilen möchte. Er hat ein herrliches Erzähltalent; man hört ihm einfach gerne zu, und es wird keine Minute langweilig oder zu viel. Ich kenne Leute, die haben die sieben Hörbuch-CDs am Stück durchgehört, was ich vollkommen verstehen kann. Man kann nicht genug davon kriegen und denkt immer, komm, ein Kapitel geht noch...
Allerdings wurde ich durch die achte CD, die dem Hörbuch beiliegt, davon abgehalten, es diesen Leuten gleich zu tun. Denn die ist die eigentliche Überraschung: die erste CD des Grafen, der sich damals noch The Graf nannte, von 1994, ergänzt durch sein allererstes Werk überhaupt, das 1986 aufgenommene Instrumentalstück "Success". Da er im Buch über diese Musik ausführlich berichtet, war es natürlich nahe liegend, sie den Menschen heute auch zu Gehör zu bringen. Offiziell ist sie damals ja nicht veröffentlicht worden, da sie keine Plattenfirma haben wollte (was viel über die Plattenfirmen dieser Welt aussagt). Entstanden mit einfachen Mitteln im selbst zusammen gebastelten "Studio" (eine Ecke im Schlafzimmer), ist diese CD etwas ganz Besonderes. Ich war selten von Liedern so berührt wie von diesen und möchte die CD daher genau so rezensieren, als wäre sie gerade erst entstanden.
"Dreams and Illusions" ist sowohl Titel als auch Konzept. Fast durchgängig wird, wie es heute noch bei Unheiligen Alben üblich ist, eine Leitthematik verfolgt, hier also die Träume und Illusionen des Mitte Zwanzigjährigen. Viele Motive, die sich später auch in Unheilig-Liedern wieder finden, gibt es bereits in diesen Songs. In "Human nations" erklärt Gott, warum er die Welt erbaut hat. Ein mitreißender Auftakt, und das erste vom Grafen eingesungene Lied überhaupt. "Traveling in the moonlight" ist das erste Highlight - wunderschöne, zu Herzen gehende Melodien voller Zartheit. Der Mann im Mond, der gleichzeitig ein Engel ist, sehnt sich nach einer Erdenfrau, die er liebt. Doch er kann sie nur sehen, wenn das Mondlicht leuchtet. Danach folgt "Game of life", und schon der nächste Höhepunkt. Eine einfache, herrliche Melodie, und eine einfache Ansprache an Gott: Sieh her, dies sind die einsamen Menschen, die auf deiner Erde das Spiel des Lebens spielen! Überhaupt ist Einsamkeit das vorherrschende Motiv in fast allen Stücken, auch die Symbole Regen, Sonne, Mond, Wind, Himmel, Sand und Meer tauchen immer wieder auf. "Invader" ist sehr düster gehalten; der Eindringling kommt im Mondlicht auf einen zu; die Stimme ganz tief und verzerrt, dazu beeindruckende Klangeffekte. Danach folgt das Lied, welches mir jedes Mal vor lauter Schönheit die Tränen in die Augen treibt: "In my dreams", voller Sehnsucht, Zartheit und mit einer der gefühlvollsten Melodien ausgestattet, die ich jemals gehört habe. Einfach nur wundervoll! "When I saw you I saw Peter Pan flying" - darauf muss man erst mal kommen! Der Graf hat und hatte damals schon ein unglaubliches Talent dafür, Melodien zu finden, die ergreifen, mitreißen, das Kopfkino laufen lassen. Und weil die Möglichkeiten in der Fremdsprache begrenzt waren, war er geradezu gezwungen, sich genau zu überlegen, wie er mit dem Wenigen, das er zur Verfügung hatte, die größtmögliche Wirkung erzielen konnte. Die Symbolhaftigkeit seiner Sprache entstand vielleicht genau da. "Land of illusions" ist wieder schnell und mitreißend; der Graf lässt den Albatros fliegen. Als nächstes folgt ein herrliches Instrumentalstück, das zeigt, was für ein wunderbarer Filmmusikkomponist er geworden wäre, und das sofort Bilder im Kopf entstehen lässt. "Lonely King" gemahnt an kriegerische Zeiten und besticht durch einen verführerischen Rhythmus. "German story" setzt sich mit der Vergangenheit dieses Landes auseinander; auch hier eine beeindruckende Melodie, die einen nicht mehr loslässt. "Scare it away" ist wieder schneller gehalten und zeigt einen Menschen, den die Fantasien über den eigenen Tod, die eigene Vergänglichkeit nicht in Ruhe lassen, so sehr er sie auch verjagen möchte. "Night of the creature" lässt nun auch den Teufel zu Wort kommen, der eine Seele holen will. Vielleicht das düsterste Stück, schön gruselig, und die tiefe Stimme der Folgezeit deutet sich hier schon an. In den anderen Liedern ist der Gesang eher von tiefer Zärtlichkeit und Verletzlichkeit geprägt. "Jammerig", wie der Graf selber in seinem Buch meint, ist er jedoch überhaupt nicht. Mein zweites Lieblingslied bildet den Abschluss: "Sandman", eine wunderbare Traummelodie, die man nicht mehr aus dem Herzen bekommt, wenn sie sich einmal eingenistet hat, und das tut sie recht schnell. "Dreams never end; I'm your sandman tonight."
Fazit: Schon "Success" ist sehr professionell produziert und lässt keine Wünsche offen. "Dreams and illusions" aber hält, was der Titel verspricht - diese CD ist ein Traum! Absolute Kaufempfehlung für diese CD und das wundervoll eingelesene, spannende, berührende, humorvolle Hörbuch, das auch noch durch ein ausgesprochen geschmackvolles Design besticht. Einfach ganz großes Kino!