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Dieses Buch über den Arbeitsalltag des Gehirns verlangt auch dem Denkorgan des Lesers einiges an Arbeit ab. Denn im Gegensatz zu früheren Werken (wie z.B. Die Symphonie des Denkens) will der Neurophysiologe William H. Calvin diesmal keinen allgemeinen Einblick in den Stand der modernen Hirnforschung liefern, sondern vielmehr selbst eine ambitionierte und weit reichende neue Hypothese aufstellen. Insofern richtet sich Die Sprache des Gehirns -- wie der Autor im Vorwort einräumt -- auch in erster Linie an seine "wissenschaftlichen Kollegen". Und deshalb sind Grundbegriffe wie "spatiotemporales Feuermuster" oder "arbiträrer Code" nicht einmal im Glossar erklärt. Nichtfachleute können aber durchaus mental ins Stolpern geraten, wenn ihr Kortex häufig mit gar zu tiefen Einsichten konfrontiert wird, wie etwa dass "der Hauptnachteil eines degenerierten kortikalen Codes darin besteht, dass die meisten kortikokortialen Projektionen reziprok sind."
Aber allen kann man es halt nicht recht machen. Unser Gehirn hat mit seiner (noch) undurchschaubaren Genialität zweifellos einen solch ebenso originellen wie detaillierten Erklärungsansatz verdient, der in Fachkreisen sicherlich kontrovers diskutiert werden wird. Und der Leser gelangt mit Die Sprache des Gehirns immerhin an die allervorderste Front eines der hitzigsten Forschungsfelder: Wo schlaue Gehirne über die Rätselhaftigkeit des Gehirns nachdenken. --Christian Stahl
Neurobiologen machen sich Gedanken über die Gedanken. Sie wollen herausfinden, wie unser Gehirn arbeitet, was Bewusstsein bedeutet, und sie streiten darüber, «ob Lernen vielleicht überhaupt kein Lernen ist» (Niels K. Jerne). Genau diese Frage bejaht der Gehirntheoretiker William Calvin in seinem neuesten Buch. Nach seiner Ansicht greift das Gehirn auf alte Gedanken zurück, wenn es neue braucht: Aus alt wird neu durch Veränderung und Auslese. Da die Evolutionstheorie die Grundlage dieses Ansatzes bildet, spricht der Autor von einer Darwin-Maschine, in Anlehnung an den Begriff Turing-Maschine aus der Informatik. Das Augenmerk liegt auf den Nervenzellen in den Arealen der Grosshirnrinde und ihren Verbindungen untereinander. Ausgehend von den Arbeiten Gerald Edelmans und Donald O. Hebbs, entwickelt Calvin seine Überlegungen, wie sich mentale Vorstellungen verschlüsseln lassen: Aus der Verdrahtung der Zellen in einer Art Sechseck ergebe sich ein charakteristisches Aktivitätsmuster, der Code für ein bestimmtes Bild oder eine Erinnerung. Das Muster werde häufig wiederholt und auf benachbarte Anordnungen kopiert. Da sich Fehler einschleichen können, entstünden aus einem gleichen Muster viele verschiedene, von denen eines möglicherweise besser geeignet sei, ein neuartiges Erlebnis zu repräsentieren.
Obwohl das Konzept in sich schlüssig ist, bleibt es doch stumpf und farblos den Analogien und Hilfskonstrukten zum Trotz, die der Autor bemüht, um die Allgemeingültigkeit zu veranschaulichen. Zu streng verfolgt er seine Linie und äussert sich weder zu gegenwärtig geführten Diskussionen, noch verknüpft er die Vorgänge mit anderen Gehirnleistungen wie der Sinnesverarbeitung. Gerade diese Zusammenführung wäre aber sinnvoll, um das komplexe Phänomen Bewusstsein zu erhellen. Hier zeigt sich ein Unterschied zu den Darstellungen anderer Autoren. Während Francis Crick, Antonio Damasio und andere ihre Hypothesen durch experimentelle und klinische Daten oder auch durch neue Bildgebungsverfahren zur Hirnaktivität abstützen, fliessen bei Calvin kaum Ergebnisse aus der praktischen Arbeit ein. Derart spekulativ und theorielastig ausgelegt, erreicht das Buch nur oberflächlich das Ziel, die Sprache des Gehirns zu vermitteln.
Olaf Schmidt -- Neue Zürcher Zeitung
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