Schon seit vielen Jahren gehört der amerikanische Soziologe und Politikwissenschaftler Andrei S. Markovits zu den renommiertesten Autoren, die sich wissenschaftlich mit dem Phänomen Sport in all seinen Facetten auseinander setzen. Der an der University of Michigan in Ann Arbor lehrende Markovits ist hierbei bis heute einer der wesentlichen Impulsgeber für neue Diskussionen, Forschungsfelder und Projekte geblieben. Zu seinen wichtigsten Werken in diesem spezifischen Bereich seiner wissenschaftlichen Untersuchungen gehören die in deutscher Sprache vorliegenden Bücher "Im Abseits: Fußball in der amerikanischen Sportkultur" (2002, zusammen mit Steven L. Hellermann) und "Querpass: Sport und Politik in Europa und den USA" (2007, mit Lars Rensmann) sowie das 2010 erschienene "Gaming the World: How Sports Are Reshaping Global Politics and Culture" (ebenfalls mit Lars Rensmann).
Im nun vorliegenden Band "Sport: Motor und Impulssystem für Emanzipation und Diskriminierung" gibt Markovits in geraffter Form Einblick in das ambivalente Wesen des Sports, der auf der einen Seite vielfältige Aufstiegschancen bietet und Brücken bauen kann, andererseits aber nach wie vor vielfach ein Instrument von Exklusion und Marginalisierung darstellt. Die Folie für Markovits' Analyse bildet hierbei stets sein Konzept der hegemonialen Sportkulturen, also der in einem bestimmten geographisch-nationalen Kontext vorherrschenden "Sportsprachen": Fußball in Deutschland, Cricket in Indien oder Football, Baseball, Basketball und, in etwas geringerem Maße, Eishockey in den USA. Markovits untersucht anhand zahlreicher exemplarischer Fallbeispiele die integrative bzw. ausgrenzende Kraft des Sports in den drei Kategorien Klasse, Ethnie und Gender.
Sport als Vehikel des sozialen Aufstiegs gewinnt erst nach seiner Professionalisierung an wirklicher Bedeutung. Die strikte Einhaltung des Amateurgedankens, beispielsweiße im Cricket oder im Tennis, verschließt diese Sportarten systematisch für die Menschen, die sich ihren täglichen Lebensunterhalt hart verdienen müssen und über wenig Freizeit verfügen. Erst die Möglichkeit, durch die erfolgreiche Ausübung des Sports auch Geld zu verdienen und somit ökonomische Teilhabe zu erhalten, öffnet diese Sphäre für zuvor diskriminierte, sozial marginalisierte Schichten. Die Professionalisierung des Sports trägt, wie Markovits überzeugend darlegt, also direkt zu seiner Demokratisierung bei.
Wohl in keinem Bereich sind das emanzipatorische Potential und die Integrationskraft des Sports offen sichtbarer als in der Frage der ethnischen Pluralisierung. Die Bedeutung eines Jackie Robinson (Baseball), eines Jim Brown (Football) oder eines Bill Russell (Basketball) für die afroamerikanischen Bürger in den Vereinigten Staaten ist kaum zu überschätzen und geht selbstverständlich weit über deren sportliche Leistungen hinaus. Hier wurden und werden Sportler laut Markovits zu "Agenten des sozialen Wandels" in einem noch immer nicht abgeschlossenen Prozess der Emanzipation breiter Bevölkerungsgruppen in den USA und darüber hinaus. Gleichwohl sind Rassismus und Diskriminierung trotz aller Fortschritte noch immer wesentliche gesellschaftliche Herausforderungen, welche leider auch nach wie vor im Sport bedeutsam sind.
Noch statischer stellt sich das Bild in der dritten großen Analyseachse dar. Die integrative Kraft des Sports ist im Bereich Gender an scheinbar unverrückbare Grenzen gestoßen, welche zudem kaum in Frage gestellt werden. So fordern, wie Markovits in unnachahmlicher Art darlegt, selbst Feministinnen nicht, "dass die Rolle des Quarterbacks bei den Green Bay Packers, die Position des Point Guards bei den Los Angeles Lakers oder die des Center Fielders der New York Yankees von einer Frau bekleidet werden sollte oder dass Frauen die Viererkette von Bayern München oder die Mittelfeldachse bei Inter Mailand besetzen sollten". Natürlich sind die positiven Entwicklungen der letzten Jahrzehnte im Bereich des Frauensports immens und verdienen es, gewürdigt zu werden. Es ist aber durchaus fraglich, ob die gegenwärtig vielfach angewandte Praxis der "Gender Apartheid" eines "Separate but equal"-Systems (wie Markovits in einer treffenden Allegorie beschreibt) dauerhaft Bestand haben kann und sollte.
Insgesamt legt Andrei S. Markovits wieder ein herausragendes Werk vor, was wissenschaftlichen Anspruch mit ausgezeichneter Lesbarkeit und einem nicht zu unterschätzendem Unterhaltungswert verknüpft. Es ist trotz seines vergleichsweise schmalen Umfangs allen Sportinteressierten (und nicht nur ihnen) nachdrücklich empfohlen.