Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich schon angefangen habe, diese Rezension zu schreiben - nur um sie anschließend Zeile für Zeile, Wort für Wort wieder zu löschen. Warum? Ich finde es unglaublich schwer, mir über "Splitterfasernackt" ein Urteil zu bilden. Wie kann ich eine so persönliche, intime Geschichte mit Bewertungssternen aufwiegen und dabei fair bleiben? Fair gegenüber Lilly Lindner (und ihrem Schicksal) und gleichzeitig fair gegenüber den Lesern und Leserinnen meiner Rezension.
Lilly Lindner, geboren 1985, zeigt, dass es keine Frage des Alters ist, eine Autobiografie zu schreiben, sondern vielmehr eine Frage der eigenen Vergangenheit. Sie wurde bereits im zarten Alter von sechs Jahren von ihrem "freundlichen" Nachbarn missbraucht. Vergewaltigt. Eine Tafel Schokolade gegen eine Kinderseele. Ihre Eltern sind engstirnig und ich-bezogen, sie merken über Jahre hinweg nicht, was in ihrer Tochter vorgeht und verschließen die Augen vor der Gratwanderung zwischen Leben und Tod, die sich hinter der verschlossenen Kinderzimmertür abspielt. Lilly Lindner beginnt, sich selbst zu verletzen - mit Rasierklingen und Essensentzug. Sie hungert, um zu verschwinden. Irgendwann beginnt die junge Frau, in einem Edelbordell zu arbeiten - freiwillig und auf der Suche nach ihrem Körper und seiner Unversehrtheit.
"Splitterfasernackt" ist ein Buch, das unter die Haut geht, das erschüttert und nicht mehr loslässt. Ich habe lange über Lilly Lindner und ihr Schicksal nachgedacht, wütend und traurig zugleich. Wie kann so etwas passieren? Wie kann eine Kinderseele in so kurzer Zeit zerstört werden? Ungesehen und (oftmals) ungesühnt.
Lilly Lindner ist eine Autorin, die mit Worten jongliert - einzigartig und unverwechselbar. Das verleiht ihrem Buch einen unglaublichen Tiefgang. Sie setzt die Sprache nicht nur als Kommunikations-, sondern auch als Stilmittel ein (Seite 26, oben):
"Aber die Zeit geht weiter. Vorwärts.
Das ist die einzige Richtung, die sie kennt.
Und wir alle müssen ihr folgen."
Nun aber zurück zur Ausgangsfrage. Wie kann ich die Autobiografie fair bewerten? Ohne Mitleid, aber respektvoll? Ich habe mich letztendlich dazu entschieden, vier Sterne zu vergeben. Für eine wunderbare Sprache, die eine bedrückende Geschichte hübsch verpackt. "Splitterfasernackt" ist mit Sicherheit kein Buch, das man mal eben im Vorübergehen liest, zwischen Tür und Angel. Für die Lektüre sollte man sich Zeit nehmen - insbesondere, nachdem die letzten Zeilen gelesen sind.