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Splinter Cell, Operation Barracuda: Roman
 
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Splinter Cell, Operation Barracuda: Roman [Taschenbuch]

David Michaels , Oliver Neumann , Elisabeth Feitl-Schönleitner
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Topagent Sam Fisher muss das Verschwinden eines deutschen Wissenschaftlers klären, der für die amerikanische Marine arbeitete. Angeblich soll der Deutsche in die Hände einer chinesischen Bande gefallen sein, die sein Wissen nützen will, um Taiwan angreifen zu können.

Um einen weltweiten Krieg zu verhindern, muss Sam Fisher möglichst schnell Erfolg haben.

Über den Autor

Tom Clancy, geboren 1948, arbeitete lange Jahre als Versicherungsagent. Eine Meuterei auf einem sowjetischen Zerstörer regte Clancy dazu an, seinen ersten Thriller, "Jagd auf Roter Oktober" zu schreiben. Das Buch wurde auf Anhieb ein internationaler Erfolg, der sich in der Verfilmung mit Sean Connery in der Hauptrolle wiederholte. Seither ist Tom Clancy der Erfolg treu geblieben, seine Romane belegen regelmäßig über Wochen hinweg die ersten Plätze der internationalen Bestsellerlisten, die Verfilmungen mit Harrison Ford als Jack Ryan waren ausnahmslos Kassenschlager. Wie realistisch und gut recherchiert seine Bücher sind, zeigt die Tatsache, dass der Autor nach den Anschlägen vom 11. September von der amerikanischen Regierung als spezieller Berater hinzugezogen wurde – in "Befehl von oben" hatte er ein Szenario entworfen, dass der späteren Realität erschreckend nahe kam.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Pünktlich um elf Uhr weckt mich der mechanische Alarm des OPSAT. Da ich imstande bin, an jedem beliebigen Ort auf der Stelle fest zu schlafen, kommt mir der im OPSAT eingebaute kleine Hammer sehr gelegen, der unablässig auf den Puls an meinem Handgelenk klopft. Er arbeitet lautlos und reißt mich nicht so heftig aus dem Schlaf, wie es mitunter bei einem Wecker der Fall ist.
Rund um das kleine Zelt pfeift der Wind. Der Wetterbericht hatte vor einem Wintersturm noch vor Mitternacht gewarnt, und wie es aussieht, braut er sich gerade zusammen. Großartig. Unter normalen Umständen hätten mich die Minustemperaturen außerhalb meines Biwaks schon vor Stunden in einen Eiszapfen verwandelt. Dass dies nicht geschehen ist, verdanke ich einzig und allein einem technologischen Durchbruch des Third Echelon. Seine Spezialisten haben jene hautenge, an einen Astronautenanzug erinnernde Hightech-Kampfuniform entwickelt, die meinen allzu menschlichen Körper vor den rauen Elementen schützt. Diese Uniform bewahrt mich nicht nur vor Hitze und Kälte, die eingewebten Kevlar-Fasern wirken sogar kugelablenkend. Aus einigen Metern Entfernung funktioniert es ganz gut, allerdings verzichte ich gern darauf, das Material aus der Nähe zu testen. Nichts für mich - nein, danke.
Sobald ich aus dem Zelt gekrochen bin, richte ich mich auf und spähe prüfend in den dichten Wald. Außer dem Heulen des Windes ist nichts zu hören. Lambert hat mich gewarnt, dass ich so tief in den Wäldern auf Wölfe stoßen könnte. Aber offenbar ist heute mein Glückstag. Wenn ich ein Wolf wäre, könnte mich bei diesem Wetter auch nichts aus meinem Bau locken. Bei fast minus 25 Grad Celsius stehen die Chancen schlecht, dass eine frische Mahlzeit einfach so vorüber läuft. Mit Ausnahme eines zweibeinigen Säugetiers, das zufälligerweise schwer bewaffnet ist.
Rasch rolle ich das Zelt zusammen. Wenn es auf der Erde aufgestellt ist, sieht es aufgrund seiner einzigartigen Tarnung wie ein schneebedeckter Felsbrocken aus. Erst wenn man es aus nächster Nähe genau unter die Lupe nimmt, erkennt man, was es wirklich ist: eine weitere großartige Entwicklung der National Security Agency. Ironischerweise weiß nur eine Hand voll Mitarbeiter der NSA von der streng geheimen Spezialeinheit Third Echelon. Innerhalb der US-amerikanischen Regierung kann kaum ein Dutzend Leute etwas mit dem Begriff »Splinter Cell« anfangen, und ich bin einer dieser Eliteagenten des Third Echelon. Um die Wahrheit zu sagen, sind nicht einmal mir alle Eingeweihten bekannt. Abgesehen von meinem unmittelbaren Vorgesetzten, Colonel Irving Lambert, und dem kleinen Team, das in einem unscheinbaren, nicht näher bezeichneten Gebäude etwas abseits des NSA-Hauptquartiers in Washington D. C. arbeitet, weiß ich nicht, welche Senatoren oder Kabinettsmitglieder je vom Third Echelon gehört haben. Allerdings bin ich ziemlich sicher, dass der Präsident über uns Bescheid weiß. Doch auch er würde ungerührt das Sechste Protokoll auf mich anwenden, sollte ich tatsächlich einmal gefasst werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass er mich einfach verleugnen würde. Die Regierung würde ihre Hände in Unschuld waschen und vorgeben, dass ich nie existiert habe.
Ich verstaue das Zelt und setze das Sichtgerät auf. Der Nachtsichtmodus funktioniert überraschend gut in diesem ukrainischen Schneesturm. Auch wenn ich mich fühle, als wäre ich in einer Szene aus dem Film Doktor Schiwago gelandet, verhindert es zumindest, dass ich beim Gehen durch den Wald ständig gegen einen Baumstamm stoße. Obuchiw liegt etwa acht Kilometer entfernt im Süden. Ich selbst befinde mich zwischen dieser Kleinstadt und dem im Norden gelegenen Kiew, wo meine Mission begann. Eigentlich sollte man heute »Kyiw« sagen statt »Kiew«, das wäre die genauere Übersetzung des ukrainischen Namens der Stadt. Dasselbe gilt für das ehemalige »Obuchow«, das heute zumeist »Obuchiw« genannt wird. Seit die Ukraine im Jahr 1991 unabhängig wurde, unternimmt man hier alles, um die russischen Städtenamen in ukrainische umzuwandeln. Allerdings bin ich ziemlich sicher, dass die Russen bei den alten Namen bleiben werden.
In der heute freien Ukraine kann man sich problemlos bewegen, sodass ich keine Schwierigkeiten hatte, meine Ausrüstung in der amerikanischen Botschaft in Kiew abzuholen, einen Geländewagen zu bekommen und damit nach Obuchiw zu fahren. Als ich das Ding sah, musste ich lachen: Es war ein Ford Explorer XL, Baujahr 1996, mit stolzen 200 000 Kilometern auf dem Tacho. Aber er läuft ausgezeichnet. Heute morgen wanderte ich vom Dorf aus in den Wald hinein, wo ich mitten in der eisigen Einsamkeit das Zelt aufschlug. Die Kundschafter des Third Echelon bestätigten, dass der dritte Hangar jenes Tarnkappenflugzeugs des Shops, das ich vor Monaten in der Türkei zerstört habe, in einer Lichtung dieses Waldes steht und nach wie vor benützt wird. Auf den Satellitenfotos kann man erkennen, dass immer wieder Fahrzeuge hier auftauchen und Männer in dem Gebäude ein und aus gehen. Einen von insgesamt drei Hangars habe ich in Aserbaidschan in der Nähe von Baku aufgespürt und vernichtet. Einen zweiten in der Gegend von Wolowo, einer kleinen Siedlung südlich von Moskau, hat eine militärische Spezialeinheit in die Luft gejagt. Jetzt habe ich den Auftrag, den dritten hier auszukundschaften, um herauszufinden, was die Kerle vorhaben. Der Shop, jenes berüchtigte Waffenschiebernetz unter der Leitung von russischen Kriminellen, ist nach meinem Einsatz letztes Jahr in Zypern gründlich aufgemischt worden. Aber auch wenn wir seine Organisation nachhaltig zerstört haben, befinden sich seine Anführer immer noch auf freiem Fuß. Viele unserer Informationen weisen darauf hin, dass der Shop sein Hauptquartier von Russland in den Fernen Osten verlegt hat, möglicherweise auf die Philippinen oder nach Hongkong. Das müssen wir noch feststellen. Deshalb konzentrierte man sich in den letzten Monaten innerhalb des Third Echelon darauf, die vier so genannten Direktoren des Shops ausfindig zu machen und der Gerechtigkeit zu überantworten. Oder sie zu töten. Je nachdem, was sich eben ergibt.
Kopf des Unternehmens ist ein Georgier namens Andrej Zdrok. Er ist die Nummer Eins. Die übrigen Direktoren sind Prokofieff, ein russischer Armeegeneral - soweit ich weiß, ist er nicht mit dem Komponisten verwandt -, Oskar Herzog, ein ehemaliger DDR-Staatsanwalt, und Anton Antipow, ein weiterer Russe, der früher beim KGB war. Sobald ich herausgefunden habe, wo sich diese Kerle aufhalten, habe ich meine Mission erfüllt und kann nach Hause zurückkehren.
»Wie ich sehe, sind Sie schon auf dem Weg, Sam«, ertönt die Stimme von Colonel Lambert über die Implantate in meinen Ohren. Wenn der Empfang gut ist, kann ich über diese Implantate mit dem Team in Washington sprechen.
Um ihm zu antworten, drücke ich auf das Implantat an meinem Hals. »Ich nähere mich jetzt dem Zielgelände. Was zeigt der Satellit?«
»Keine Aktivität. Sie haben die Zustimmung einzudringen.«
Leise bewege ich mich durch den Wald, nur meine Stiefel knirschen in dem eisigen Schnee. Dagegen ist nichts zu machen. Außerdem bezweifle ich, dass ich so tief im Wald auf Wächter stoße. In unmittelbarer Nähe des Hangars werde ich wohl vorsichtiger sein müssen. Und da taucht er auch schon direkt vor mir zwischen den sich lichtenden Bäumen auf.
Augenblicklich kauere ich mich zusammen und lasse den Blick über das Gelände vor mir schweifen. Am Ende einer Rollbahn erhebt sich ein Gebäude, das einst als Flugzeughangar diente. Wer auch immer das Tarnkappenflugzeug gesteuert hat, muss sehr geschickt gewesen sein, denn unmittelbar am Ende der Rollbahn beginnt der dichte Wald. Neben dem Hangar steht ein kleineres Bauwerk, in dem vermutlich die Büros und Unterkünfte für die Männer untergebracht sind, die hier arbeiten. Ein elektrisch geladener Zaun mit einem ebenso gesicherten Tor umgibt das Gelände und einen Teil einer unasphaltierten Straße, die jetzt mit Schnee bedeckt ist und...

Auszug aus Splinter Cell 2. Operation Barracuda. von David Michaels. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Pünktlich um elf Uhr weckt mich der mechanische Alarm des OPSAT. Da ich imstande bin, an jedem beliebigen Ort auf der Stelle fest zu schlafen, kommt mir der im OPSAT eingebaute kleine Hammer sehr gelegen, der unablässig auf den Puls an meinem Handgelenk klopft. Er arbeitet lautlos und reißt mich nicht so heftig aus dem Schlaf, wie es mitunter bei einem Wecker der Fall ist.
Rund um das kleine Zelt pfeift der Wind. Der Wetterbericht hatte vor einem Wintersturm noch vor Mitternacht gewarnt, und wie es aussieht, braut er sich gerade zusammen. Großartig. Unter normalen Umständen hätten mich die Minustemperaturen außerhalb meines Biwaks schon vor Stunden in einen Eiszapfen verwandelt. Dass dies nicht geschehen ist, verdanke ich einzig und allein einem technologischen Durchbruch des Third Echelon. Seine Spezialisten haben jene hautenge, an einen Astronautenanzug erinnernde Hightech-Kampfuniform entwickelt, die meinen allzu menschlichen Körper vor den rauen Elementen schützt. Diese Uniform bewahrt mich nicht nur vor Hitze und Kälte, die eingewebten Kevlar-Fasern wirken sogar kugelablenkend. Aus einigen Metern Entfernung funktioniert es ganz gut, allerdings verzichte ich gern darauf, das Material aus der Nähe zu testen. Nichts für mich - nein, danke.
Sobald ich aus dem Zelt gekrochen bin, richte ich mich auf und spähe prüfend in den dichten Wald. Außer dem Heulen des Windes ist nichts zu hören. Lambert hat mich gewarnt, dass ich so tief in den Wäldern auf Wölfe stoßen könnte. Aber offenbar ist heute mein Glückstag. Wenn ich ein Wolf wäre, könnte mich bei diesem Wetter auch nichts aus meinem Bau locken. Bei fast minus 25 Grad Celsius stehen die Chancen schlecht, dass eine frische Mahlzeit einfach so vorüber läuft. Mit Ausnahme eines zweibeinigen Säugetiers, das zufälligerweise schwer bewaffnet ist.
Rasch rolle ich das Zelt zusammen. Wenn es auf der Erde aufgestellt ist, sieht es aufgrund seiner einzigartigen Tarnung wie ein schneebedeckter Felsbrocken aus. Erst wenn man es aus nächster Nähe genau unter die Lupe nimmt, erkennt man, was es wirklich ist: eine weitere großartige Entwicklung der National Security Agency. Ironischerweise weiß nur eine Hand voll Mitarbeiter der NSA von der streng geheimen Spezialeinheit Third Echelon. Innerhalb der US-amerikanischen Regierung kann kaum ein Dutzend Leute etwas mit dem Begriff »Splinter Cell« anfangen, und ich bin einer dieser Eliteagenten des Third Echelon. Um die Wahrheit zu sagen, sind nicht einmal mir alle Eingeweihten bekannt. Abgesehen von meinem unmittelbaren Vorgesetzten, Colonel Irving Lambert, und dem kleinen Team, das in einem unscheinbaren, nicht näher bezeichneten Gebäude etwas abseits des NSA-Hauptquartiers in Washington D. C. arbeitet, weiß ich nicht, welche Senatoren oder Kabinettsmitglieder je vom Third Echelon gehört haben. Allerdings bin ich ziemlich sicher, dass der Präsident über uns Bescheid weiß. Doch auch er würde ungerührt das Sechste Protokoll auf mich anwenden, sollte ich tatsächlich einmal gefasst werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass er mich einfach verleugnen würde. Die Regierung würde ihre Hände in Unschuld waschen und vorgeben, dass ich nie existiert habe.
Ich verstaue das Zelt und setze das Sichtgerät auf. Der Nachtsichtmodus funktioniert überraschend gut in diesem ukrainischen Schneesturm. Auch wenn ich mich fühle, als wäre ich in einer Szene aus dem Film Doktor Schiwago gelandet, verhindert es zumindest, dass ich beim Gehen durch den Wald ständig gegen einen Baumstamm stoße. Obuchiw liegt etwa acht Kilometer entfernt im Süden. Ich selbst befinde mich zwischen dieser Kleinstadt und dem im Norden gelegenen Kiew, wo meine Mission begann. Eigentlich sollte man heute »Kyiw« sagen statt »Kiew«, das wäre die genauere Übersetzung des ukrainischen Namens der Stadt. Dasselbe gilt für das ehemalige »Obuchow«, das heute zumeist »Obuchiw« genannt wird. Seit die Ukraine im Jahr 1991 unabhängig wurde, unternimmt man hier alles, um die russischen Städtenamen in ukrainische umzuwandeln. Allerdings bin ich ziemlich sicher, dass die Russen bei den alten Namen bleiben werden.
In der heute freien Ukraine kann man sich problemlos bewegen, sodass ich keine Schwierigkeiten hatte, meine Ausrüstung in der amerikanischen Botschaft in Kiew abzuholen, einen Geländewagen zu bekommen und damit nach Obuchiw zu fahren. Als ich das Ding sah, musste ich lachen: Es war ein Ford Explorer XL, Baujahr 1996, mit stolzen 200 000 Kilometern auf dem Tacho. Aber er läuft ausgezeichnet. Heute morgen wanderte ich vom Dorf aus in den Wald hinein, wo ich mitten in der eisigen Einsamkeit das Zelt aufschlug. Die Kundschafter des Third Echelon bestätigten, dass der dritte Hangar jenes Tarnkappenflugzeugs des Shops, das ich vor Monaten in der Türkei zerstört habe, in einer Lichtung dieses Waldes steht und nach wie vor benützt wird. Auf den Satellitenfotos kann man erkennen, dass immer wieder Fahrzeuge hier auftauchen und Männer in dem Gebäude ein und aus gehen. Einen von insgesamt drei Hangars habe ich in Aserbaidschan in der Nähe von Baku aufgespürt und vernichtet. Einen zweiten in der Gegend von Wolowo, einer kleinen Siedlung südlich von Moskau, hat eine militärische Spezialeinheit in die Luft gejagt. Jetzt habe ich den Auftrag, den dritten hier auszukundschaften, um herauszufinden, was die Kerle vorhaben. Der Shop, jenes berüchtigte Waffenschiebernetz unter der Leitung von russischen Kriminellen, ist nach meinem Einsatz letztes Jahr in Zypern gründlich aufgemischt worden. Aber auch wenn wir seine Organisation nachhaltig zerstört haben, befinden sich seine Anführer immer noch auf freiem Fuß. Viele unserer Informationen weisen darauf hin, dass der Shop sein Hauptquartier von Russland in den Fernen Osten verlegt hat, möglicherweise auf die Philippinen oder nach Hongkong. Das müssen wir noch feststellen. Deshalb konzentrierte man sich in den letzten Monaten innerhalb des Third Echelon darauf, die vier so genannten Direktoren des Shops ausfindig zu machen und der Gerechtigkeit zu überantworten. Oder sie zu töten. Je nachdem, was sich eben ergibt.
Kopf des Unternehmens ist ein Georgier namens Andrej Zdrok. Er ist die Nummer Eins. Die übrigen Direktoren sind Prokofieff, ein russischer Armeegeneral - soweit ich weiß, ist er nicht mit dem Komponisten verwandt -, Oskar Herzog, ein ehemaliger DDR-Staatsanwalt, und Anton Antipow, ein weiterer Russe, der früher beim KGB war. Sobald ich herausgefunden habe, wo sich diese Kerle aufhalten, habe ich meine Mission erfüllt und kann nach Hause zurückkehren.
»Wie ich sehe, sind Sie schon auf dem Weg, Sam«, ertönt die Stimme von Colonel Lambert über die Implantate in meinen Ohren. Wenn der Empfang gut ist, kann ich über diese Implantate mit dem Team in Washington sprechen.
Um ihm zu antworten, drücke ich auf das Implantat an meinem Hals. »Ich nähere mich jetzt dem Zielgelände. Was zeigt der Satellit?«
»Keine Aktivität. Sie haben die Zustimmung einzudringen.«
Leise bewege ich mich durch den Wald, nur meine Stiefel knirschen in dem eisigen Schnee. Dagegen ist nichts zu machen. Außerdem bezweifle ich, dass ich so tief im Wald auf Wächter stoße. In unmittelbarer Nähe des Hangars werde ich wohl vorsichtiger sein müssen. Und da taucht er auch schon direkt vor mir zwischen den sich lichtenden Bäumen auf.
Augenblicklich kauere ich mich zusammen und lasse den Blick über das Gelände vor mir schweifen. Am Ende einer Rollbahn erhebt sich ein Gebäude, das einst als Flugzeughangar diente. Wer auch immer das Tarnkappenflugzeug gesteuert hat, muss sehr geschickt gewesen sein, denn unmittelbar am Ende der Rollbahn beginnt der dichte Wald. Neben dem Hangar steht ein kleineres Bauwerk, in dem vermutlich die Büros und Unterkünfte für die Männer untergebracht sind, die hier arbeiten. Ein elektrisch geladener Zaun mit einem ebenso gesicherten Tor umgibt das Gelände und einen Teil einer unasphaltierten Straße, die jetzt mit Schnee bedeckt ist und von den Gebäuden durch den Wald zur Landstraße nach Obuchiw führt. Die Warnschilder »Betreten verboten« und »Kein Durchgang« haben offensichtlich ihren Zweck erfüllt und Neugierige erfolgreich abgewehrt.
Drei Taiga-Schneemobile sind vor dem Hauptgebäude geparkt. Vor der Tür sehe ich einen einsamen Wächter, der eine Zigarette raucht. Verdammt. Wenn ich den Zaun ausschalte, wird man es im Gebäude sicher merken.
Einen Augenblick. Da kommt jemand auf der Straße. Durch die Bäume kann ich deutlich das Licht von Scheinwerfern erkennen. Außerdem sind jetzt Motorengeräusche zu hören.
»Sie bekommen Gesellschaft, Sam«, sagt Lambert. »Sieht aus wie ein Motorrad oder Schneemobil, und dazu ein Auto. Sind aus dem Nichts aufgetaucht.«
»Ja, ich sehe sie.«
Rasch husche ich durch das Unterholz bis dicht zum Tor und lege mich flach in den Schnee. Meist trage ich einen schwarzen Spezialanzug, aber da dieses Modell eigens für den russischen und ukrainischen Winter angefertigt wurde, ist es schneeweiß und fügt sich ausgezeichnet in die natürliche Umgebung ein. In wenigen Augenblicken werde ich den Reißverschluss öffnen, mich aus der Außenhaut schälen und dann die dunklere Uniform anhaben, mit der ich in den Schatten verschwinden kann.
Plötzlich verstummt das Summen des elektrischen Zauns. Man hat ihn im Inneren des Gebäudes ausgeschaltet. Gleichzeitig öffnet sich automatisch das Tor.
Ein Taiga-Schneemobil mit einem einsamen Fahrer darauf segelt an mir vorüber und durch das geöffnete Tor. Einige Sekunden später folgt ein schwarzer Mercedes. Nachdem ich mit einem raschen Blick sichergestellt habe, dass sich kein weiteres Fahrzeug nähert, rolle ich mich durch das Tor, das sich nun wieder schließt. Innerhalb des Zauns bleibe ich regungslos liegen und vergewissere mich mit einem Blick rundum, dass mich niemand bemerkt hat. So weit, so gut. Jetzt ist es Zeit, Chamäleon zu spielen und mich meines weißen Überanzugs zu entledigen.
Sobald ich die weiße Hülle in den Rucksack gepackt habe, krieche ich im Schutz der Schatten näher an die Fahrzeuge heran. Verborgen hinter einem mit Brettern vernagelten Brunnen, beobachte ich die Neuankömmlinge, die vor dem kleineren Gebäude angehalten haben. Der Wächter, den ich zuvor schon gesehen habe, geht zum Hangar hinüber und schließt das Tor auf. Kaum schwingt der Torflügel auf, fährt der Mann auf dem Schneemobil hinein. Als der Mann einen Augenblick später herauskommt, schließt der Wächter das Hangartor wieder, aber er sperrt es nicht ab. Der Fahrer des Mercedes wartet mit laufendem Motor, während die vier Passagiere aussteigen. Einer von ihnen sieht aus wie ein russischer Armeegeneral. Rasch wechsle ich die Linsen meines Sichtgeräts und nehme die Männer nochmals ins Visier. Ja, der Offizier ist eindeutig General Stefan Prokofieff. Einer der anderen Männer sieht aus wie Oskar Herzog, nur dass er sich einen lächerlichen Bart hat wachsen lassen - wenn er es wirklich ist. Den dritten Mann kenne ich nicht. Er ist kleiner als die anderen und trägt eine lange, wallende schwarze Mähne. Damit erinnert er ein wenig an Rasputin. Der vierte Mann ist ebenfalls bei der Armee, vielleicht ein Leibwächter des Generals. Rasch schieße ich mit dem OPSAT ein paar Fotos und schicke sie als verschlüsselte Hochgeschwindigkeitsübertragung über die Satellitenverbindung nach Washington.
Als sich die Tür zum Hauptgebäude öffnet, sehe ich im Inneren zwei Männer, die den vier Neuankömmlingen bedeuten einzutreten. Sobald sie einander die Hand geschüttelt haben, wird die Tür zugeschlagen.
Inzwischen ist der Chauffeur des Mercedes aus dem Wagen gestiegen, um den Fahrer des Schneemobils zu begrüßen. Die beiden sprechen Russisch miteinander. Vermutlich plaudern sie über das Wetter. Der Wächter bietet dem Fahrer des Schneemobils eine Zigarette an, ehe sie um die Ecke des Gebäudes verschwinden. Sobald sie außer Sicht sind, sprinte ich zum Hangar - der etwa zwanzig Meter von mir entfernt ist - und spähe durch die Tür ins Innere. Dort, wo früher das Flugzeug hielt, türmen sich jetzt Kisten, und neben diesen sind weitere Schneemobile und Autos geparkt. Nichts Interessantes dabei. Aus dem Rucksack fische ich einen jener cleveren Funksender, den das Third Echelon für mich entwickelt hat. Er sieht wie ein Hockey-Puck aus, nur ein wenig kleiner, ist magnetisch und lässt sich durch Drehen der Oberseite aktivieren. Mit wenigen Schritten bin ich wieder im Freien, kauere mich hinter dem Mercedes zusammen und platziere das Gerät an der Unterseite des Wagens. Mit leisem Klicken heftet sich der Magnet an das Metall. Nun drücke ich einen Knopf auf dem OPSAT, um sicherzustellen, dass er das Signal auch empfängt.
Jetzt ist es Zeit, mir das Gebäude von innen anzusehen. Erst versuche ich, den Türknopf zu drehen, aber die Tür ist abgeschlossen. Deshalb klopfe ich und stoße einen lauten Pfiff aus. Mein Russisch ist nicht besonders gut, aber es wird wohl genügen für jenen ersten harmlosen Augenblick, nur für den Fall, dass ich gezwungen bin, etwas zu sagen.
Erst höre ich Schritte und dann das Klirren eines Schlüssels, als der Wächter die Tür aufschließt. Sobald die Tür aufschwingt, greife ich nach dem Mann, ziehe ihn ins Freie und versetze ihm einen Kopfstoß, den er nicht so schnell vergessen wird. Die scharfen Kanten meines Sichtgeräts zerschneiden ihm die Nase, aber er wird es überleben. Seinen bewusstlosen Körper schleife ich um die Ecke des Hangars, wo ich ihn hinter einem Generator verberge, der an das Gebäude angebaut ist. Dann eile ich zurück zur Vordertür, schalte den Nachtsichtmodus ab und trete ein.
Der Korridor selbst ist leer, aber von einem Raum am Ende des Ganges höre ich wütende Stimmen. Direkt daneben liegt ein Waschraum. Rasch schlüpfe ich hinein und ziehe die Tür hinter mir zu. Aus einer Tasche an meinem Hosenbein fische ich ein Mikrofon mit Saugglocke hervor, befeuchte die Glocke mit Speichel und setzte sie an die Wand. Dann stelle ich meinen OPSAT so ein, dass er das Signal empfängt. Über meinen Kopfhörer kann ich nun hören, was die Männer sagen. Auch wenn es nicht leicht ist, ihrem Gespräch auf Russisch zu folgen, verstehe ich doch einiges davon. Gerade als ich zur Sicherheit auf den Aufnahmeknopf des OPSAT drücke, um das Gespräch aufzuzeichnen, meldet sich Carly St. John, die technische Direktorin des Third Echelon, über die Implantate.
»Ich werde versuchen, dir jetzt schon eine grobe Übersetzung zu liefern, Sam«, sagt sie. »Später können wir immer noch auf Einzelheiten eingehen.«
Meist hört man den General oder Herzog. Der Sprecher lässt einen wahren Hagel von Anschuldigungen auf die beiden im Gebäude stationierten Männer niedergehen.
»Es geht darum, dass sie irgendwas falsch gemacht haben«, erläutert Carly. »Und es geht um eine »Sicherheitslücke«. Auf jeden Fall werden sie die Anlage schließen.«
Einer der beiden Männer versucht zu protestieren. In seiner Stimme schwingt Angst mit. Offenbar steht für ihn mehr auf dem Spiel als nur sein Job.
Peng! Peng! Die Schüsse lassen mich hochfahren. Gleich darauf höre ich, wie zwei Körper dumpf auf dem Boden aufschlagen. Dann höre ich noch, dass der General oder Herzog etwas murmelt, und einen Augenblick später verlassen die vier Neuankömmlinge den Raum. Am Waschraum vorüber gehen sie durch den Gang zum Ausgang. Sobald sich die Tür hinter ihnen schließt, ist es im Inneren des Gebäudes totenstill.
Vorsichtig öffne ich die Tür des Waschraums und spähe auf den Gang hinaus. Leer. Mit wenigen schnellen Schritten bin ich in dem Raum, in dem die Hinrichtungen stattgefunden haben. Die beiden Männer, die den General und seine Begleiter begrüßt haben, liegen in einer Blutlache. Nachdem ich einige Fotos gemacht habe, eile ich zur Vordertür, öffne sie leise einen Spalt und sehe hinaus. Während die vier Männer in den Mercedes steigen, brüllt der General verschiedene Befehle in ein Funkgerät. Mittlerweile ist auch der Chauffeur mit dem Fahrer des Schneemobils zurückgekehrt.
»Sie bekommen noch mehr Gesellschaft, Sam«, lässt sich Lambert vernehmen. »Drei weitere Fahrzeuge nähern sich. Es wäre besser, wenn Sie vom Gelände verschwinden.«
Er hat recht. Jetzt sehe auch ich die Scheinwerfer, die eben das Tor an der anderen Seite des Geländes passieren. Militärfahrzeuge. Zwei Lastwagen und ein Panzer! Mein Herzschlag beschleunigt sich, während die beiden Lastwagen vor dem Hauptgebäude halten und der Mercedes davon fährt. Mindestens acht bewaffnete Soldaten - und zwar russische, nicht ukrainische - springen aus dem LKW und laufen geradewegs auf die Vordertür zu, wo ich stehe.
Zum Teufel! Augenblicklich mache ich kehrt und renne an der Hinrichtungsstätte vorüber zur Rückseite des Gebäudes. Dort tauche ich in einen Raum mit mehreren Stockbetten, der offenbar als Unterkunft für die Männer gedient hat, die länger hier arbeiteten. An der Oberkante einer Wand entdecke ich ein Lüftungsgitter. Während die Soldaten mit wuchtigem Schritt durch den Gang stampfen, steige ich auf eines der Stockbetten, ziehe das Lüftungsgitter aus dem Schacht und klettere hinein. Aber einen Augenblick zu spät. Einer der Soldaten betritt bereits den Raum und sieht gerade noch, wie meine Füße in dem Schacht verschwinden. Sofort ruft er die anderen herbei. Ein ohrenbetäubender Schuss lässt hinter mir Teile der Wand absplittern.
So schnell ich kann, winde ich mich durch den Schacht. Glücklicherweise erreiche ich gerade in dem Moment eine Biegung, in dem einer der Soldaten seine Pistole in den Schacht richtet und auf mich feuert. Der Schacht steigt hier an, sodass es mir mit einem Sprung gelingt, der Kugel nach oben hin auszuweichen. Hastig klettere ich aufwärts zum Dach. Der Soldat macht sich nicht die Mühe, mir zu folgen. Vermutlich geht er davon aus, dass mich seine Kameraden auf dem Dach erwischen werden.
Das Gitter hinaus zum Dach lässt sich nicht so leicht aufstoßen, sodass ich gezwungen bin, meine Five-Seven zu ziehen und die Ecken des verdammten Dings wegzuschießen. Rasch stecke ich die Pistole ins Holster zurück und versetze dem Gitter einen kräftigen Schlag mit der behandschuhten Faust. Endlich gibt es nach und ich ziehe mich hoch. Sobald ich mich auf das Dach hinaus schiebe, bricht auch schon Gewehrfeuer los. Die Kugeln sausen nur wenige Zentimeter an meinem Kopf vorüber. Der Winkel ist für die Soldaten äußerst schwierig, sodass ich so lange im Vorteil bin, solange ich mich flach ausstrecke. Aus einer anderen Hosentasche ziehe ich eine Leuchtbombe hervor. Nichts Besonderes, aber sie wird die Soldaten hoffentlich vorübergehend blenden. Ich richte sie gegen Himmel und zünde sie. Die Leuchtbombe explodiert direkt über dem Gelände und zerreißt die Dunkelheit mit grellem Licht. Augenblicklich bricht das Gewehrfeuer ab, und ich schnelle gebückt über das Dach zu der Seite, die dem Hangar gegenüberliegt. Der Sprung selbst ist nicht allzu gefährlich - ich stoße mich vom Dach ab, lande in einer Schneewechte, rolle mich ab und springe unverletzt auf. Nur steht direkt vor mir der Fahrer des Schneemobils. Noch während er seine Makarov hebt, um sie auf mich zu richten, versetze ich ihm einen Tritt gegen die Brust. Durch die Wucht des Stoßes taumelt er rückwärts und lässt die Pistole fallen. Sofort schnelle ich vorwärts und verpasse ihm einen Tritt in die Geschlechtsteile, der ihn endgültig außer Gefecht setzt. Neben ihm kniend, durchsuche ich seine Taschen, bis ich die Schlüssel für das Schneemobil finde.
»Danke«, sage ich auf Russisch. »Ich werde es zurückbringen. Irgendwann.«
Dann springe ich auf und sprinte zum Hangar hinüber. Ich nehme mir aber doch die Zeit, über die Schulter zurückzublicken, um zu sehen, was hinter mir geschieht. Einige der Soldaten sind offenbar damit beschäftigt, Akten, Dokumente, Mappen und Computer aus dem Gebäude zu tragen. Das Haus wird geräumt. Kein Zweifel, der Shop schließt diese Anlage tatsächlich. Der russische Panzer, ein alter T-72, fährt in Position, um auf das Gebäude zu feuern. Der Hangar soll zerstört und jeder Hinweis auf seine Existenz ausgelöscht werden. Die übrigen Soldaten suchen natürlich immer noch nach mir.
Das Taiga-Schneemobil steht nach wie vor dort, wo es der Fahrer abgestellt hat. Ich steige auf, stecke den Schlüssel in das Zündschloss und starte den Motor. Bei dem Taiga handelt es sich um ein leichtes Sportmodell, genau das, was ich brauche, um mich rasch davon zu machen. Das Gefährt beschleunigt auf den beiden Kufen und der Lenkkufe und schießt wie ein Pfeil aus dem Hangar hinaus. Sobald mich die Soldaten entdecken, schreien sie überrascht auf. Tief gebückt, sause ich an dem Panzer vorüber, stoße einen Soldaten um und steuere auf das Tor zu.
Gewehrkugeln durchsieben den Schnee rund um mich. Ein Projektil trifft den hinteren Kotflügel direkt über der Kufe, und für einen Augenblick befürchte ich, dass das Schneemobil etwas abbekommen hat. Es keucht und hustet, aber irgendwie gelingt es mir, es unter Kontrolle zu halten. Mit fast 100 Stundenkilometern rase ich durch das Tor.
Hinter mir reißt die 125-mm-Glattrohrkanone des Panzers mit gewaltigem Dröhnen ein Loch in die Vorderseite des Gebäudes. Der mächtige Hall lässt die Bäume um mich beben, und ich fühle noch in einhundert Metern Entfernung die Hitze des in Flammen aufgehenden Bauwerks. Auf die erste Explosion folgt eine Reihe von kleineren - vermutlich haben die Soldaten in den Gebäuden selbst auch Sprengladungen angebracht.
Mittlerweile haben mehrere Soldaten auf den beiden anderen Schneemobilen die Verfolgung aufgenommen. Rasch schalte ich mein Sichtgerät auf Nachtsichtmodus, lösche den Scheinwerfer des Schneemobils und verlasse die Straße. Im Zickzack sause ich durch den dichten Wald. Man muss ein bisschen verrückt sein, um bei dieser Geschwindigkeit den Versuch zu wagen, diesen natürlichen Hindernissen ausweichen zu wollen. Aber vermutlich bin ich das. Nur eine feine Grenze trennt Todessehnsucht von ein bisschen Verrücktheit.
Hinter mir sind die Scheinwerfer der Schneemobile ebenfalls von der Straße abgebogen. Verdammt, sie haben herausgefunden, wohin ich gefahren bin. Nun, dann wollen wir einmal sehen, ob sie mit mir mithalten können. Ich drehe den Motor hoch auf 120 Stundenkilometer. Mit Schwindel erregender Geschwindigkeit sausen die Bäume an mir vorüber. Ich muss die Kerle hinter mir vergessen und mich ausschließlich darauf konzentrieren, das Schneemobil durch diese Hindernisse zu manövrieren. Meine Beine um einen Baumstumpf zu schlingen ist das Letzte, was ich jetzt brauchen kann.
Schüsse. Heiß durchschneiden die Kugeln die Luft um meinen Kopf. Auch wenn ich dadurch in meiner Manövrierfähigkeit eingeschränkt werde, kauere ich mich tiefer auf dem Schneemobil zusammen. Knirsch! Das Schneemobil streift einen Baum und wird hoch geschleudert. Ein oder zwei Sekunden lang fliege ich durch die Luft, ehe ich hart auf der Erde aufschlage. Glücklicherweise bin ich nicht in einem Baum oder Felsen gelandet.
Die Verfolger kommen näher. Irgendwie gelingt es mir, auf die Beine zu kommen und zu meinem umgestürzten Schneemobil zu humpeln. Ich ziehe es hoch, steige auf und starte es erneut. Der rechte vordere Schi ist verbogen, aber es wird wohl klappen. Sobald ich beschleunigt habe, teste ich den Steuermechanismus. Gar nicht so schlecht. Wenn ich immer ein wenig nach links ziehe, bleibt das verdammte Ding halbwegs auf Kurs.
Wieder fliegen Kugeln. Großartig.
Während ich weiter beschleunige und in der Dunkelheit verschwinde, höre ich hinter mir einen gewaltigen Krach. Einer der Verfolger hat auf unangenehme Weise mit seinem Schneemobil Bekanntschaft mit einem Baum geschlossen. Gut für mich, nur leider hat der Baum dabei Feuer gefangen. Wenn sich das Feuer ausbreitet, wird es den Wald erleuchten, und meine Verfolger könnten mich besser sehen. Ich muss diese Kerle loswerden, und zwar schnell.
Rasch drücke ich das Implantat an meinem Hals. »Hallo? Irgendjemand da?«, frage ich.
»Wir hören Sie, Sam«, antwortet Lambert in meinem Ohr.
»Haben Sie mich?«
»Ja, wir haben Sie über Satellit. Ich wette, Sie hätten gern ein paar Richtungsangaben.«
»Ja, bitte.«
»Leider können Sie nicht auf die Hauptstraße nach Obuchiw zurück. Dort wimmelt es nur so von Soldaten. Am besten wenden Sie sich zum Dnjepr.«
»Meinen Sie den Fluss?«
»Ach, kommen Sie schon, so kalt kann er doch nicht sein. Außerdem sind Sie durch Ihren Anzug geschützt.«
»Sie wollen, dass ich mich schwimmend in Sicherheit bringe?«
»Lassen Sie das Schneemobil zurück. Oder noch besser, lassen Sie es an einem Baum zerschellen. Ihre Verfolger werden dann hoffentlich glauben, dass Sie umgekommen sind.«
Ich schüttle den Kopf. »Allmählich fühle ich mich wie ein unterbezahlter Stuntman, Lambert. In Ordnung, wie weit bin ich noch vom Fluss entfernt?«
Ich höre, wie sich Lambert, vom Mikrofon abgewandt, mit einer anderen Person bespricht - vermutlich mit Carly oder Mike Chan. Schließlich kehrt er zum Mikrofon zurück und sagt: »Sie haben nur noch etwa eineinhalb Kilometer. Biegen Sie jetzt in einem Winkel von dreißig Grad nach links, dann liegt der Fluss direkt vor Ihnen.«
»Danke, ich klinke mich aus.« Ich schwenke nach links, weiche einem weiteren Baum aus und versuche, die Geschwindigkeit weiter zu erhöhen. Das Schneemobil fährt mit etwa achtzig Stundenkilometern, und das ist auch wirklich alles, was ich jetzt aus ihm herausholen kann.
Plötzlich und ohne Vorwarnung schießt ein Schneemobil vor mir aus dem Unterholz. Der Scheinwerfer blendet mich fast vollständig, und ich muss die Augen für eine Sekunde abwenden, mein Fahrzeug nach rechts ziehen und über einen umgestürzten Baumstamm springen. Das Schneemobil schlägt unglücklich auf und wirbelt um die eigene Achse. Im selben Moment bremst der russische Soldat sein Fahrzeug ab und feuert mit seiner Pistole auf mich. Die Kugel saust an meiner linken Schulter vorüber. Rasch ducke ich mich und lenke das Schneemobil schlitternd in einen Halbkreis, sodass der Schnee hoch gewirbelt wird. Das gibt mir genug Zeit, um die Five-Seven zu ziehen, in Richtung meines Verfolgers zu zielen und abzudrücken.
Zwei Kugeln verfehlen ihr Ziel, aber die dritte trifft den Soldaten in die Brust und schleudert ihn vom Fahrzeug. Nachdem ich meine Pistole ins Holster zurückgesteckt habe, wende ich das Schneemobil und rase wieder auf den Fluss zu.
Sobald ich vor mir das Rauschen des Wassers höre, wähle ich einen netten dicken Baum in etwa 15 Metern Entfernung und beschleunige, so weit es geht. Gleichzeitig kauere ich mich so auf dem Sitz zusammen, dass ich im letzten Moment abspringen kann. Der Baum kommt näher ... noch näher ... und jetzt springe ich, rolle im Schnee ab und warte.
Das Schneemobil kracht in den Baum und explodiert in einem Feuerball. Es wird vollständig auseinander gerissen.
Hastig stehe ich auf und folge dem Rauschen des Wassers. Drei Minuten später erreiche ich das Ufer des Dnjepr, jenes breiten, sich windenden Flusses, der aus dem Westen Russlands durch Weißrussland und die Ukraine bis in das Schwarze Meer fließt. Allerdings habe ich nicht den einfachsten Zugang zum Fluss gewählt. Vor mir fällt das Ufer fast 20 Meter steil ab.
Ohne lang zu zögern, gehe ich in Position, konzentriere mich, hole noch einmal tief Atem und stoße mich vom Uferrand ab. Wie ein Messer tauche ich in das kalte Wasser ein, entspanne mich und lasse mich durch den natürlichen Auftrieb an die Oberfläche heben. Lambert hatte Recht. Mein Anzug schützt mich vor der tiefen Temperatur, nur im Gesicht trifft mich das Eiswasser mit schneidender Kälte. Deshalb rolle ich mich auf den Rücken - wodurch es mir viel leichter fällt, mein Gesicht warm zu halten - und lasse meinen horizontal im Wasser treibenden Körper von der starken Strömung in Sicherheit bringen.
Und das alles an einem einzigen Arbeitstag ... Aber ich bin nun mal Sam Fisher, Splinter-Cell-Agent.

Andrej Zdrok war kein Morgenmensch. Wenn es nach ihm ginge, würde er bis in den Nachmittag hinein schlafen und erst nach Mitternacht zu Bett gehen. Leider war ihm das während seines gesamten Lebens nicht möglich gewesen. Er stammte aus einer Bankerfamilie, die in der ehemaligen Sowjetunion Geschäfte gemacht hatte und in der es immer »früh zu Bett und auf zu früher Stund'« geheißen hatte. Oh, wie er es hasste. Und obwohl es ihm gelungen war, mit seinen Banken, über die ein Großteil der Finanzgeschäfte der ehemaligen sowjetrussischen Regierung gelaufen war, zu unvorstellbarem Reichtum zu gelangen, war es Zdrok immer schwer gefallen, in dieser Welt Freude zu finden. Als die Sowjetunion auseinander brach und er jene Waffenschieberorganisation gründete, die allgemein als »der Shop« bekannt war, hatte er geglaubt, dass für ihn nun rosige Zeiten anbrechen würden. Eine Zeit lang schien es auch so. Vor einem Jahr, nach dem verhängnisvollen Geschäft mit der Terrorgruppe Shadows, hatten sich die Dinge jedoch geändert. Die amerikanischen Geheimdienste NSA und CIA hatten die Reihen der Shadows aufgebrochen und die Gruppe zerstört. In einem Dominoeffekt hatte dieser Zusammenbruch auch die Versorgungslinie bis zum Shop selbst vernichtet und die Organisation so schwer getroffen, dass Zdrok seine Zelte in Europa abbrechen musste. Während es sich in der Schweiz ganz angenehm leben ließ, hatte er wenig übrig für Russland und Aserbaidschan, die beiden anderen Regionen, in denen er vor dem Zusammenbruch seines Unternehmens gewohnt hatte.
Auch Hongkong gefiel ihm nicht besonders.
Der Shop hatte sein Hauptquartier nur deshalb in den Fernen Osten verlegt, weil die Organisation dort Freunde hatte. Seit Jahren machte der Shop mit einer bestimmten Triade Geschäfte, die Zdrok nun geholfen hatte, eine neue Basis für sein Unternehmen zu errichten. Früher hatte sich der Shop im Fernen Osten über große Profite freuen können - vor allem in Macao, Indonesien und auf den Philippinen -, bis die NSA den erreichten Status zerstörte. Trotzdem hatte der Shop im Fernen Osten immer noch genug Helfer, die bereit und willig waren, die Arbeit fortzusetzen.
Die Region konnte wieder aufgebaut werden. Hongkong eignete sich am besten als neue Basis, auch wenn die ehemalige britische Kolonie mittlerweile unter der kommunistischen Herrschaft Chinas stand. Seine Freunde hatten Zdrok versichert, dass in Hongkong auch nach der Übergabe im Jahr 1997 die Geschäfte »ganz normal« - also nach kapitalistischen Gesichtspunkten - weiterliefen. Diese Wirtschaftsphilosophie sollte noch 50 Jahre lang weitergeführt werden, solange Hongkong als »Sonderverwaltungszone« galt, ebenso wie Macao, das nach jahrzehntelanger portugiesischer Herrschaft erst vor Kurzem China wieder eingegliedert wurde.
Im Stadtteil Sheung Wan, einem der populärsten der Insel Hongkong, schritt Zdrok auf der Hollywood Road nach Osten. In der Straße, in der sich Antiquitätenläden, buddhistische und taoistische Tempel, Esslokale, und - seltsamerweise auch - Sargschreinereien aneinander reihten, schien es nach Zdroks Empfinden immer zu stinken. Tatsächlich lag über ganz Hongkong ständig ein übler Geruch. Nicht umsonst nannte man die Stadt »Duftender Hafen«. Zumindest oben am Hongkong Peak, wo er einen bescheidenen, aber komfortablen Bungalow gemietet hatte, war die Luft frisch. Seine Unterkunft konnte sich beileibe nicht mit dem messen, was er früher gewöhnt war, vor allem nicht mit seinem Anwesen in der Schweiz, aber sie musste genügen. Wie er es hasste, zur Arbeit zu gehen, denn dazu musste er hinunter nach Sheung Wan.

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