1981 hat die Erste Allgemeine Verunsicherung den Schallplattenkritiker für das Zweitwerk "
Cafe Passe" bekommen. Nicht umsonst, einige unterm Volk haben die kritische Botschaft hinter den schaulustigen Comic-Masken der sechs Wiener mit ihrem schwarzen und satirischen Humor verstanden. Dennoch war der Bekanntheitsgrad nicht gerade überragend, was sich zwei Jahre später mit der nächsten Rock-Comix Bühnenshow "Spitalo Fatalo" ändern sollte. Die EAV konnte erste, kleinere Erfolge erzielen. Das musikalische Genie Thomas Spitzer widmet sich hier, im Vergleich zum eher diskussionsreichen Vorgänger, verstärkt der Musik zu und schafft hiermit das vielleicht textlich anspruchsvollste EAV-Album überhaupt. Satirisches Kabarett, gepaart mit humorvollen, intelligenten Wortspielereien und Lyriken, die zur jeweiliger Thematik passender Musik untermalt werden.
"Spitalo Fatalo" ist die erste Veröffentlichung mit Gesangskünstler Klaus Eberhartinger, der nun den zu Tode geschiedenen EAV-Frontmann Walter Hammerl ersetzen soll. Obwohl gerade dieser sich für den späteren Durchbruch der Gruppe verantwortlichen kann und heutzutage ein unwegdenkbares Mitglied der Truppe darstellt, zieht er sich bei "Spitalo Fatalo" noch deutlich in den Hintergrund zurück. Das tut aber diesem wunderbaren Album keinen Abbruch, denn diese Platte ist mit reichlich Abwechslung bestückt. Gert Steinbäcker und Günter Timischl singen mit unverkennbarer Stimme in abwechselnder Position, die sich schließlich ein Jahr später von der Verunsicherung abwenden und dem erfolgreichen STS-Projekt widmen.
Wenn man mit der Anfangszeit der Band noch nicht konfrontiert worden ist und man die EAV erst mit ihren unverkennbaren lebhaften Hits der späteren Erfolge ("Märchenprinz", "Ding Dong", "Drei weiße Tauben"...) kennen gelernt hat, so darf man sich bei diesem mit diesem Album auf eine Überraschung gefasst machen. Ein originell illustriertes Plattencover à la Thomas Spitzer mit einem durchgedrehten Arzthelfer, der eine Karikatur von Keyboarder Nino Holm darstellt, lässt einen schon mal schmunzeln. So wird das 12 Lieder umfassende Werk mit einer traditioneller Blaskapelle eingeleitet und geht zu "Hallo, hallo" über, das eigentliche Eröffnungslied. Keyboarder und Sänger Mario Bottazzi heißt die Zuhörer zu aufpeppendem Rock 'n' Roll und lustigen Wortspielereien im Krankenhaus "Spitalo Fatalo" willkommen. Als nächstes folgt die erste Singleauskopplung "Tanz, tanz, tanz", bei dem Klaus Eberhartinger auf dem Album seine Premiere hat und die aufkommende No-Future-Generation der frühen 80er mit ungewohnt skurrilen Sarkasmus parodiert.
Das simple betitelte "Sofa" hat es in sich; In dem über fünfminütigen Lied, geht es um einen Vater, der im Laufe des zweiten Weltkrieges Stolz und Karriere aufgebaut hat, auf welchen er sich mit der Familie metaphernartig ausruhen kann (deswegen der Name "Sofa"). Doch irgendwann spannt dieser, dass sein Lebenswerk ein Irrtum war und seine Aktivitäten im Krieg keinesfalls Erfolg aufweisen können, da dort "nur Verlierer waren" und schließlich ein Wirtschaftswunder das Land rettet. Panik und Ängste überkommen ihn und die Musik ist dabei sehr abwechslungsreich, atmosphärisch düster und chaotisch. Dieses Lied stellt wahrlich eine Perle dar, im musikalischen und pädagogischen Sinne. Das satirische "Balkan-Boogie" hagelt nur so von klischeehaften Vorurteilen gegenüber Ausländer, die angeblich Arbeitsplätze wegnehmen, aus Hunden Cevapcici machen und für andere Miseren sich zu verantwortlichen haben. Eine wahre Rarität auf der CD.
Der sechste Track "I hab des G'fühl" gleicht Austropop-Liedgut, die STS so schön fabriziert haben; Kein Wunder, denn STS-Sänger Timischl ist am Mikro. Auch wenn sich dieses Lied wahrlich nicht nach der EAV anhört, so ergänzt es sich sehr gut auf dem Album und bietet einen abwechslungsreichen Hörgenuss. Die dritte Single ist das allseits bekannte "Afrika", das sehr schnell vom Radio boykottiert worden ist. Dabei ist doch die schlaue Kritik am Tourismus deutlich zu hören, der keinesfalls den Besuchern zeigt, wie es wirklich in Afrika zugeht. Dazu ist das Lied mit wunderbar savannesphärischer Musik untermalt. Ja, und der "Stolze Falke" fliegt in Richtung Australien, um unserer radioaktiven Energie zu entfliehen und in der Sonne auszuruhen. Für die Rocker und Ihnen, dürfte diese Klavierballade etwas langweilig klingen, dennoch findet man hier eine sehr ruhige, gemütliche Stimmung, mit intelligenten Kabarettwortschatz.
Schließlich kommen wir noch zur zweiten Singleauskopplung mit der berühmten Geschichte vom Sepp aus den Alpen, der beim Jodeln entdeckt wird und eine erfolgreiche Rapper-Karriere von einem Musikagenten versprochen bekommt. Mit diesem lustigen Lied feiert die Verunsicherung erste brauchbare Erfolge und werden im Radio öfter gespielt. Bassist Eik Breit parodiert im nächsten Lied "Es wird Heller" den Künstler André Heller, welches nur so von lyrischen und anspruchsvollen Wortspielen trotzt. Erneut glänzt ein Austropop-Song auf dieser LP: Gert Steinbäcker singt mit seiner unvergleichlichen Stimme "Total verunsichert", das mit seinem sehr ernsten Text einen weiteren Höhepunkt darstellt. Den Abschluss dieser Platte ist "Spitalo Finalo", bei dem Bottazzi die zu unterschiedliche und ungerechte Klassenschere zwischen Arm und Reich der Welt besingt und schließlich kommt die Band zum Schluss: Gegen die Dummheit gibt's kein ärztliches Gegenmittel, jeder muss selber aktiv werden, um etwas zu bewegen. Damit lässt man es schließlich volkstümlich und noch mit einem Gitarrensolo ausklingen.
Fazit: "Spitalo Fatalo" ist ein lyrisch und inhaltlich gesehenes sehr starkes EAV-Album, das zwar gegenüber den späteren Nachfolgealben erstaunlich nüchtern klingt, aber doch eine humorvolle, satirische und vertraute Seite der Band aufweist. Ein Must-Have für Kabarettliebhaber, STS-Fans und natürlich alle EAV-Fans, die sich die früheren (anspruchsvolleren?) Jahre auf jeden Fall zu Gemüte führen sollten!
Anspieltipps (Favoriten): "Sofa"; "I hab des G'fühl"; "Afrika"; "Total verunsichert"