Claus Eurichs Buch beginnt mit einer Diagnose: Wir befinden uns gegenwärtig in einer 'Krise des Ethischen'. Die von ihm genannten drei wesentlichen Ursachen dafür sind 'die Entwertung und der Zerfall der alten Religionen, das Erstarken des Individualismus sowie die Industrialisierung und Technisierung der Welt.Es findet eine Privatisierung des Ethischen statt, die selbst zum 'ethischen Problem wird. Darin werden Bedrohung und Unheil verkündende Zeichen, welche die Gesamtheit des Seins betreffen, kaum noch wahrgenommen, geschweige denn in einem ethischen, ja spirituellen Kontext gesehen'. In diesen Kontext führt uns dieses Buch hinein, es bringt uns in Kontakt mit dem Wesen des spirituellen Impulses. Diesen versteht Eurich als radikalen Entwicklungs- und Verantwortungsimpuls. Und hier kommen auch Spiritualität und Ethik zusammen ' offenbaren ihre wesensgemäße Einheit. Dies aufzuzeigen ist das ambitionierte Ziel von Claus Eurich, der am Institut für Journalistik der Universität Dortmund Kommunikationswissenschaft lehrt und Meditationslehrer und Autor ist. Nach einer Klärung der Begriffe und der Problematik führt er uns zunächst durch die 'spannungsreiche Beziehung zwischen Ethik, Moral und Spiritualität' in den großen religiösen Traditionen, hierbei untersucht er vor allem die christliche Tradition. Im Folgenden macht uns das Buch mit einigen modernen Ansätzen aus dem 20. Jahrhundert, wie denen von Albert Schweitzer, Matthew Fox, Ken Wilber, der tiefenökologischen Bewegung und des von Hans Küng initiierten Projekts 'Weltethos' bekannt, welche versuchten, Ethik und Spiritualität miteinander zu verbinden. Im zweiten Teil des Buches entwirft Claus Eurich nun seine Vision von einem Ethos des Einsseins. Das ist eine Vision, die einen in Bann zieht. Sie ist mutig, beseelt vom Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit des Menschen und einer 'unbedingten Bejahung des Seins'. Aber Eurich geht weiter, viel weiter. Der Ursprung des spirituellen und des ethischen Lebens sind für ihn Freiheit und Einssein. Aber nicht statisch verstanden, sondern eingebunden in unseren menschlichen 'Entwicklungsauftrag', mehr noch wird Freiheit hier als Entwicklungsfähigkeit' an sich verstanden. Diese Entwicklung in Freiheit ist heute Notwendigkeit, wir sind dazu gleichzeitig befreit und 'verdammt'. Hier erkennen wir einen absoluten Kontext für unsere Entscheidungen: 'Das Böse zu überwinden heißt, sich unserer Entwicklungsfähigkeit und unserer Potenzialität zu stellen und ihnen in Freiheit zu begegnen. Wir stellen uns damit dem Sinn des Seins und des ganzen Universums schlechthin.' Diese Freiheit nun ist abhängig vom Grad unserer Bewusstheit. Hier zeigt der Autor die Notwendigkeit einer ständigen Selbstreflexion und Interpretation unseres Erlebens, sowie einer 'fortwährenden Besinnung durch die Erkenntnis- und Weisungskraft der Kontemplation'. Er führt uns die Wichtigkeit einer aufrichtigen und unvoreingenommenen Begegnung mit unserem Schatten und unserer Unvollkommenheit und die heilende und orientierende Kraft des Scheiterns' vor Augen und zeigt uns die Bedeutung der Begegnung mit dem Du in der Schöpfung, in anderen Menschen, im Göttlichen und 'unserem innersten Seins- Grund'. Als Bedrohung der 'ethischen Existenz des Menschen' sieht Eurich die Accedia, womit schon in der christlichen Tugendlehre die Trägheit und die aus ihr resultierende Verzweiflung bezeichnet wurde. Und seine ganze Untersuchung vollzieht sich in einem 'universalen Kontext , in dem wir zur Empfindung der All- Einheit als Kosmos der wechselseitigen Verbundenheit' erwachen, aus der wir im 'Geist des Nichtverletzens' gegenüber allem Leben handeln. Zum Ende des Buches gibt uns der Autor einige Koordinaten eines Ethos des Einsseins in der Ausrichtung auf das Soziale, Universale, Transzendente und auf das Selbst. Und er fordert eine neue 'Diskurskultur , die eine Neubelebung des Ehtischen und Spirituellen auch
intersubjektiv möglich macht. Claus Eurichs spannendes und radikales Buch gibt eine Fülle von Anregungen für einen solchen Diskurs, der über unsere Zukunft entscheiden könnte.