Jesper Liers, 20 Jahre alt, nach hoffnungsschwangerer Flucht aus München in einem Berliner Kellerloch gestrandet, ist die Hauptfigur und damit der titelgebende Spinner von Benedikt Wells neuem Roman. Ausgestattet mit großen Träumen, die zwischenzeitlich dann und wann gepflegter Desillusionierung Platz gemacht haben, verbringt er seine Tage und Nächte schreibend. Sein Opus magnum ,Der Leidensgenosse' erfordert seine ganze Aufmerksamkeit - und seinen Schlaf. So sehr, dass er ihn nur noch mit Schlaftabletten finden kann. Tageslicht sucht Jesper nur zwecks Nahrungsbeschaffung und um seinen Pflichten als Praktikant des ,Berliner Boten' nachzukommen.
Im Laufe einer Woche, die dem Buch den zeitlichen Rahmen gibt, sieht Jesper die verschiedenen Seifenblasen seines Lebens platzen. Eingebetet zwischen Alkohol, Tagträumen und Selbstreflexion wankt er durch Berlin. Durch ein Leben, dass plötzlich auseinanderzubrechen scheint und doch am Ende die Chance der Erneuerung und des Weiterkommens bietet, weg vom Stillstand und raus aus der Einsamkeit. Immer an seiner Seite - Gustav, reich, schwul, oberflächlich und unerschütterlich ins seiner Rolle als Sekundant. Später auch noch Frank, Jespers ältester Freund. 1283 Seiten Mist, eine Nacht statt einer Liebe, Freunde die plötzlich weitergehen und ihren von ihm angedachten Status als Lebensinventar nicht aufrechterhalten (wollen/können), Kindheitserinnerungen, die in einem einzigen Telefonat zur Zukunftsmusik werden sind die Dinge, die plötzlich einen Strahl Licht in Jespers dunkles Rattenloch scheinen lassen.
Das verbindende Element aller Protagonisten ist die Einsamkeit. Es wimmelt in diesem Buch nur so von einsamen Menschen, die jede auf ihre Art versuchen diese Leere zu füllen. Doch damit ist es nicht getan, es hilft nicht sich wild agierend im Kreis zu drehen. Irgendwann muss man eine Entscheidung treffen, irgendwann muss man die Angst davor hinter sich lassen. Und davon handelt dieses Buch, vom Überwinden der Angst, eingebetet in die durchaus denkbare Lebenswelt eines 20jährigen.
Obwohl ,Spinner' das zweite Buch von Benedikt Wells ist, geschrieben hat er es vor seinem grandiosen Erstling ,Becks letzter Sommer'. Was seinen Erstling ausgezeichnet hat schimmert hier erst in mal mehr mal weniger deutlichen Ansätzen durch. Das Buch bewegt sich zwischen lakonisch, spritzigen Dialogen und kaugummiartigen Selbstreflexionen und Lamoyanz. Trotzdem liest es sich gut, was auch an Benedikt Wells Talent liegen mag jeder noch so tragischen Situation duch den Anstrich subtilen Humors eine gewisse Leichtigkeit zu geben.
Auch nach diesem Buch bleibt Benedikt Wells für mich einer der interessantesten jungen Autoren, die die deutschprachige Literatur momentan zu bieten hat. Das er sich entwickeln kann hat er gezeigt. Die spannende Frage, die es zu klären gilt ist - Wohin?