Der Fairness halber sei vorangeschickt: ich verdiene mein Geld als sogenannter "professioneller Spinner". Vielleicht gehöre ich deshalb nicht zur Zielgruppe dieses Buches. Das würde vieles erklären. Aber längst nicht alles entschuldigen.
Zum Buch selbst: Zunächst wird zäh und langwierig erschlossen, warum das Spinnen gut und richtig sei, eine Spinnertypologie (kreativer Querdenker, unheimlicher ver-rückter etc.) und dergleichen fächern das Thema auf. Dann werden altbekannte Anregungen zu Brainstormings und Platitüden wie "Neugierde ist gut" "wenn Sie Kinder haben, sollten Sie sie ermutigen, Praktika zu machen" gemischt mit altbackenen Tipps zum selberspinnen aufgetischt. Dazu serviert die Autorin - sicher total spinnert gemeinte - Oednisse wie fies gestaltete "Ausschneidepreise" und "Spass- und Motivationsstempel". Das macht das ganze vielleicht für denjenigen interessant, der es schon kreativ und verrückt findet, wenn er sich etwas ausschneidet und an die Wand klebt, neben dem steht, man solle es ausschneiden und an die Wand kleben.
Man merkt dem Buch durchgehend die gute Absicht an, und die ist ja sicher ehrenwert. Allein - wenn ausschliesslich die Absicht, verpackt in ein paar mehr oder weniger altbackene Tipps und einige merkwürdige Schulbuchillustrationen, über 240 Seiten tragen soll, muss sie schon sehr überzeugend präsentiert werden. Was leider, Sie ahnen es schon, nicht gelingt.
Insgesamt kommt das Buch kaum über ein "also ich mach das so und so, schauens mal, wie pfiffig ich bin, ich finde dies klasse und jenes toll und bin ich nicht herrlich verrückt,seien sie doch auch mal wie ich" hinaus. Selten hat mich ein Klappentext ("Spinnen ist Pflicht zeigt ungewöhnliche Ansätze jenseits der altbekannten Kreativitätstechniken") so schamlos angelogen.
Lange Rede, kurzer Sinn: mir fehlte es bei diesem Buch an den auch für Sachbücher essentiellen vier S - Substanz, Struktur, Sprache und Spass. Erschwerend kommt die Gestaltung des Buches hinzu, die man freundlich als "hilflos" bezeichnen könnte.
PS: Wenn Sie jetzt verwirrt sind, weil die anderen Rezensionen das Buch so in den Himmel loben, rate ich, es sich vor dem Kauf irgendwo kurz anzuschauen. Denn einen Vorteil hat dieses Buch: man merkt ganz schnell, ob einen die "ich bin so wahnsinnig pfiffig"-Schreibe nervt und man das Gesagte als öd und leer empfindet (wie es mir erging) -oder eben ob man sie witzig, spritzig, originell findet und das Gefühl hat, hier neue Impulse zu kriegen.
PPS:
Sie könnens natuerlich auch so herrlich verrückt, total klasse und ungemein pfiffig wie ich machen: Unbesehen für teuer Geld bestellen, lesen, ärgern, auf ebay verscheuern und zum Abendessen gibts dann den Erlös, einen Appel und ein Ei.