Spieltrieb war mein erster Roman von Juli Zeh, und anfangs war ich wirklich beeindruckt. Es gibt sicher nur wenige Autoren, die solche Sätze schreiben können. Leider nahm das Vergnügen dann von Seite zu Seite ab, bis ich in der Mitte ganz stecken blieb. Mehreren Bekannten von mir ging es übrigens ähnlich.
Was an Spieltrieb am meisten nervt, ist die wirklich permanente intellektuelle Angeberei von Zeh. Jeder Satz hat eigentlich nur eine Botschaft: Seht her, wie intelligent ich bin, wie viele Fremdwörter ich kenne, wie brillant meine Konstruktionen sind...
Leider ist dann einfach alles zuviel - zum Beispiel die schier unglaubliche Ansammlung von Genies in diesem Roman. Da gibt es:
- Ada, die geniale, nihilistische, alle Bücher gelesen habende, 14-jährige, die ihre Umgebung nur mit blasierter Überheblichkeit betrachtet. Sie ist noch dazu unansehnlich und sehr passiv, was dazu führt, dass sie mir völlig egal blieb. Noch nie habe ich mich mit einer Hauptfigur weniger identifiziert.
- Alev, den 17-jährigen, satanische Spiele liebenden Ägypter, der zufällig auch im Internat herumhängt. Natürlich muss er auch noch impotent! sein.
Halt, Juli, halt! möchte man jetzt rufen. Zwei ausgefallene Figuren reichen locker für einen Roman. Doch leider geht es weiter, mit:
- Höfi, dem oberschlauen, seine Umwelt ironisch von oben betrachtenden Geschichtslehrer. Er spricht meist Sätze wie: "Smutek, mein naiver Freund!", oder "Armes Kind. Du komische, kombustible, verloren Seele. Wäre ich dein Vater, hätte ich dich in der Badewanne ertränkt"
Wie das nervt! Aber weiter, da gibt es noch:
- Smutek, den polnischen Lehrer, der natürlich ausgerechnet deutsch unterrichtet und ein Fan des (welches Buch ist Juli Zeh würdig? erraten:) Mannes ohne Eigenschaften ist (kleiner geht es leider nicht). Er glänzt gerne durch polnische Zitate (seht her: Polnisch kann Juli Zeh auch)
- seine Frau. Sie sagt Sätze: "Es ist mir Wunsch und Bedürfnis, das Mädchen zum Essen einzuladen". (Hm, fragt man sich, wie oft habe ich diesen Satz schon im realen Leben gehört?)
All diese Figuren machen eigentlich wenig (wenigstens bis zur Buchmitte) als gestelztes Zeug zu labern und auf die anderen herabzublicken. Das erinnert ein wenig an den Zauberberg, nur dass es ein ein paar Klassen schlechter ist. Spannung, Glaubwürdigkeit, Fluss? Sind dabei leider verloren gegangen. Die für ein Buch entscheidende Identifikation mit den Figuren sowieso.
So funktionieren Romane nicht. Ein schönes Thema - leider völlig verschenkt.