Zunächst einmal: Die Jönsson kann schreiben! Das ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis über die erfolgreiche Autorin; es sei nur deshalb erwähnt weil es im Genre der SM- und Erotikliteratur beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Aber: "Spieler unter sich" macht auch Menschen mit höherem Anspruch an Literatur glücklich.
Apropos SM- und Erotikliteratur: Hier tut sich schon das erste Problem auf! Der erste Teil "Spieler wie wir" ist ein lupenreiner SM-Roman, der zudem überzeugen kann mit einer sehr authentischen weil lebensnahen Rahmenhandlung. Von der Fortsetzung "Spieler unter sich" lässt sich das nicht so ohne weiteres sagen. Denn setzt man die Zahl der Seiten, die sich originär mit SM-Szenen und -Praktiken befassen, in Relation zur Rahmenhandlung, dann stellt man fest: SM ist zwar latent allgegenwärtig, aber letztlich geht es hier um was ganz anderes. Vorsichtig 'gewarnt' seien also alle die, die sich von einem SM-Buch möglichst viele und ausgefeilte Sessions erhoffen: Das kann "Spieler unter sich" nicht leisten.
Vielmehr handelt es sich hier um eine Art Roadmovie, wobei der Highway quer durch Berlin und immer wieder in die SM-Szene führt. Mitten drin drei Protagonisten, junge Erwachsene, auf der Suche nach sich selbst, ihrer Sexualität und dem Sinn des Lebens. Und wie in einem Roadmovie üblich hält es die nie lange an einem Ort. Da gibt es Freud und Leid, Sehnsüchte und Verlangen, Liebe, Eifersucht und Enttäuschungen - das pralle Leben eben. Eher so nebenbei beschreibt die Jönsson dabei SM-Vorlieben und -Praktiken, die aber nur an der Oberfläche bleiben, wenig Erotik ausstrahlen und den Leser nicht wirklich berühren. Insofern sei gesagt: Wer nur mal in die SM-Literatur und damit in die SM-Szene hineinschnuppern will, der ist mit anderen, möglicherweise autobiografischen Werken, besser bedient. Denn eins will die Autorin ganz klar nicht: Aufklären, Verständnis oder Nachvollziehbarkeiten für SM schaffen.
Aber wohin gehört das Werk nun, wenn es trotz sexueller Ausrichtung weder dem Erotik- noch dem SM-Genre zugehörig ist? Ich denke 'Spieler unter sich' ist ein moderner Großstadtroman, gleichzeitig ein Generationenportrait. Aus dem bunten Sammelsurium der in Berlin vereinten Persönlichkeiten und ihren Eigenarten greift sich die Autorin eine Hand voll Menschen heraus. Es sind Suchende, Getriebene. Sie suchen sich selbst (und ihre Sexualität), suchen ihren Platz in dieser Stadt genauso wie in der Gesellschaft insgesamt, suchen nach Antworten auf viele Fragen, die das Leben stellt - gerade im Alter zwischen 25 und 35 Jahren, in dem sich das Gefühl unbeschwerter Jugend mischt mit den inneren und äußeren Ansprüchen an das Erwachsensein, an Erfolg und Karriere genauso wie sozialer Verantwortung. Dass diese Menschen nun SM-affin sind, scheint dabei eher zufällig; dass sie sich ständig Gedanken um Sex und Partnerschaft machen eher weniger - das ist wohl typisch in diesem Alter. Und längst nicht nur in diesem...
Und für diese Suche nach dem eigenen Ich, für dieses Hin- und Hergerissensein zwischen verschiedenen Ansprüchen an das Leben, findet die Jönsson genau die richtigen Worte, die richtige Sprache, den richtigen Stil. Pausenlos wechseln die Orte der Handlung, rasant wechseln die Perspektiven von einem Protagonisten zum anderen, ständig wechseln deren Gefühlslagen. All das lässt etwas von der Hektik und Rastlosigkeit einer Großstadt und ihrer Menschen spüren, ohne dass das je thematisiert wird. Und dazwischen malt sie immer wieder mit pathetischen Worten opulente Bilder, eine Gratwanderung zwischen Alltagsphilosophie und Kitsch: Meist dann wenn die Protagonisten träumen oder empfinden oder sich Gedanken um die Welt machen. So vermischen sich hier die Derbheit von Bukowski und Henry Miller mit der Gewaltigkeit von James Joyce und Céline; und selbst wenn sie weder die einen noch die anderen sprachlich wirklich erreicht, entwickelt sich daraus ein ganz eigener Stil - dem der Cornelia Jönsson.
Fazit: "Spieler unter sich" sich ist nicht gefällig, kein Mainstream. Weder stilistisch noch thematisch eindeutig und fokussiert auf eine bestimmte Zielgruppe. Insofern wird man es in den Bestsellerlisten vergeblich suchen. Denn dort gehört es einfach nicht hin.
Uneingeschränkt empfehlen kann man so ein spezielles Werk nicht. Das ist wie mit dem Fahrgefühl in einem alten englischen Sportwagen oder dem Geschmack von französischem Schimmelkäse: Wenn man es liebt ist es eine Offenbarung - andere schütteln nur verständnislos den Kopf.
Die pompösen Bilder, die die Autorin gerade in der ersten Hälfte des Buches zeichnet, sind zwar sprachlich durchaus ein Genuss - thematisch allerdings führen sie oft sehr weit weg und bieten inhaltlich nicht viel Wichtiges. Da wurde offenbar geschrieben um des Schreibens Willen. Und diesen Eindruck hatte ich permanent: Die Autorin Jönssen gestattet der Privatperson Jönsson allzu oft, persönliche Interessen (gerade in punkto Philosophie) sowie Ansichten über Gott und die Welt in den Roman einfließen zu lassen. So findet man neben den großen Weltanschauungen der Protagonisten eine Fülle fast unsinniger Randbemerkungen, die sich einfach nicht in den Kontext bringen lassen - und daher völlig überflüssig sind.
Als zweiter Teil einer Trilogie 'funktioniert' das Buch zwar auch 'stand alone' - spannender ist es aber in jedem Fall, vorher den ersten Teil zu kennen. Das erleichtert zumindest das Einfinden in die Protagonisten und ihre Gefühlswelt, aber auch in die zahlreichen Rückblicke auf all das, was in Band 1 passierte. Denn dort passierte wirklich etwas. In Band 2 scheint der Titel Programm zu sein: Hier bleiben die 'Spieler unter sich'! Fast hat man das Gefühl, sie treten auf der Stelle. Sie finden für sich keine neuen Wege oder Erkenntnisse, erleben wenig und auch ihre Begegnungen bleiben sparsam und unspektakulär. Lediglich auf den allerletzten Seiten bahnt sich das eine oder andere an - vielleicht der Anlauf zu einem furiosen dritten Teil? Das wäre zu wünschen...
Denn auch wenn ich mich nicht durchweg euphorisch zu 'Spieler unter sich' äußern kann: Ich freue mich gespannt auf die Fortsetzung!