Der Roman Spiele" von Ulrike Draesner gefällt mir besonders gut, weil er die jüngste deutsche Geschichte im Spiegel des Entwicklungsromans einer Frau nachzeichnet. Harte", ja mörderische historische Fakten werden mit fiktiven persönlichen Gefühlen verbunden: Die 13jährige Katja erlebt ihre erste Liebe, die sie aus freien Stücken verrät, und kurz darauf einen Terroranschlag, in dem ihr Freund verletzt wird. Sie fühlt sich schuldig, wäre er durch ihren Verrat doch gar nicht in diese Lage gekommen. Dreißig Jahre später sind die Wunden immer noch nicht verheilt, und Katja beginnt, ihrem persönlichen und dem allgemeinen deutschen Skandal von damals nachzuspüren.
Bei den Olympischen Spielen von 1972 ging es - ähnlich wie bei der Fußball-WM 2006 - ums Ganze, nämlich um das Image der Bundesrepublik Deutschland, die sich als weltoffen und demokratisch darstellen und endgültig mit der Nazivergangenheit aufräumen wollte. Das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft beendete abrupt das bunte Fest und endete in einem Blutbad. Bis heute sind Hergang und Hintermänner nicht aufgeklärt, und so deckt Katjas Recherche die abenteuerlichen Widersprüche und brisanten politischen Verstrickungen der deutschen Regierung auf. Diese Verdrängung ist umso erstaunlicher, als das Attentat tatsächlich den Beginn des modernen, globalen Terrorismus von heute markiert, vor dem uns der Innenminister stets warnt: Die Erklärungen und Netzwerke der Täter, die mediale Inszenierung vor den Augen der ganzen Welt, die Schock- und Angstreaktionen der Öffentlichkeit gleichen dem Attentat vom 11. September 2001 in New York bis ins Detail. Offenbar haben wir in 30 Jahren nichts aus der Geschichte gelernt - und unsere Ängste sind heute genauso manipulierbar wie damals.
In Spiele" geht es jedoch angenehmerweise nicht um die Stilisierung heroischer, männlicher" Taten von Terroristen oder Rettern, wie sie in der Rede über die RAF und ihre Gegenspieler häufig auftaucht und zuletzt im Film Munich" von Stephen Spielberg zu sehen war. Ulrike Draesner erzählt von der weiblichen" Alltags- und Beziehungsgeschichte, von einem ganz normalen Mädchen, das in den 70er Jahren in Deutschland aufwächst. Sie stellt die Frage: Wie wirkt sich das historische Geschehen auf die Einzelne(n) aus, was kann er oder sie darin tun? Wo bin ich nur für mein Leben verantwortlich, und wo für das Leben eines anderen?
So gelingt es ihr, im Rückgriff auf die 70er Jahre ein anderes großes Thema aufzugreifen, das heute wieder überall diskutiert wird: Das Trauma der Vertreibung und die Suche nach Heimat. Katjas Großeltern sind im 2. Weltkrieg aus Schlesien geflohen und leben gedanklich noch in der Heemte". Ihr Vater vertritt die Heimatvertriebenen als Anwalt und versucht sich zugleich von diesen Ursprüngen zu lösen. Beim Olympia-Attentat 1972 begegnen den Deutschen in den Terroristen ebenfalls Flüchtlinge, diesmal Palästinenser, und damit die gesamte Nahost-Debatte um Heimat, die man doch so gern verdrängen wollte - erinnert sie doch stets an den Mord an den europäischen Juden.
An dieser Familiengeschichte wird im Kleinen sichtbar, wie stark Fluchten und Wanderungen nach dem Krieg Deutschland geformt und bestimmt haben. Beim Lesen erkennt man vieles wieder und stellt sich die Frage, was sie mit dem heutigen Berufsnomadentum, mit der Entwurzelung der Menschen und der Sehnsucht nach festen Identitäten zu tun haben. Katja, inzwischen über Vierzig und weitgereiste Fotografin, sieht sich in der Fremde mit demselben Problem konfrontiert: Wo, bei wem könnte sie heimisch werden? Ist Heimat mehr als Bürde und alter Schmerz?
Der Roman verbindet viele Ebenen miteinander - persönliche Schuld, staatliches Versagen, historische Fakten, private Erlebnisse. Dies gelingt ihm mit ebenso vielen sprachlichen Ebenen bis hin zu einer stark poetisch verdichteten Sprache, die in wenigen Worten die Einfühlung in die Innenperspektive der verschiedenen Figuren erlaubt. Ein spannendes Buch und eine lohnende Lektüre voller aktueller politischer und persönlicher Fragen.