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Für die erwachsene Katja ist die lange verdrängte Geschichte der Anlaß zu fragen und zu suchen, was damals wirklich geschah: mit ihr, mit ihrer Familie, und mit dem, was sie das ganze Leben nicht mehr loslassen sollte.
"Heemde", jenes Wort, das ihr Großvater immer aussprach in seinem Dialekt, dem ist sie auf der Spur. Heimat, ihre Heimat, die sie verloren hatte all die Jahre ihre beruflich erfolgreichen Lebens.
So sehr mich die Handlung dieses Buches in der Ankündigung angesprochen hat, die Verknüpfung eines historischen Geschehens ( der erste große Anschlag palästinensischer und moslemischer Terroristen auf westlichem Boden in München, der Stadt der "Bewegung", auf Juden) mit einem persönlichen Schicksal , das mit dem anderen Geschehen aber verwebt sein sollte, so sehr hat mich die Umsetzung durch Ulrike Draesner enttäuscht.
Das Buch ist schwer zu lesen, die Dialoge sind kaum als solche erkennbar, sie sind immer wieder direkt vermixt mit Gedanken und einem schnellen Wechsel der Zeitebenen. Der Leser hat große Mühe und muß sich regelrecht durch das Buch quälen.
Schade, denn aus diesem Stoff hätte man mit einer anderen, transparenteren Sprache, die ja nicht weniger anspruchsvoll sein muß, mehr machen können. Deshalb nur drei Punkte.
Hauptfigur in dem Roman ist die damals zwölfjährige Katja. Sie erinnert sich daran, welche Veränderungen sich im Vorfeld der Olympischen Spiele in München abspielten. Vieles war neu, die U- Bahn, das Stadtbild wurde durch die Menschen aller Hautfarben bunt, die Ferien wurden verlängert, es herrschte eine Atmosphäre von Jubel, Trubel und Heiterkeit. Die Vorfreude auf die Spiele kannte keine Grenzen.
Doch eigentlich beschäftigte Katja viel mehr eine unselige, unglückliche Pubertätsgeschichte Sie war in Max verliebt, der hatte sie auf schmähliche Weise vor ihren Freunden blamiert. So war die zarte Liebe zerstört worden. Ihr Racheakt schockt Max so sehr, dass er die Schule verlässt und sich bei der Polizei meldet. Und wie es das Schicksal will, bei dem Befreiungseinsatz in Fürstenfeldbruck wird er schwer verletzte.
Die zweite Ebene des Romans spielt dreißig Jahre später. Wir schreiben das Jahr 2002. Katja ist inzwischen einen erfolgreiche Fotojournalistin geworden. Die Geschichte mit Max geht ihr einfach nicht aus dem Kopf. Sie fühlt sich irgendwie mitschuldig an Max seiner Verletzung. Sie will wissen was ist aus ihm geworden und was ist damals eigentlich wirklich passiert.
Bei ihren Ermittlungen stößt sie auf Lügen, Vertuschungen, Unterstellungen, Ängste, Geheimnisse die sich langsam lösen. Es entstehen Gerüchte und es gibt so viele sich widersprechende Aussagen. Doch aus allem setzt sie mehr und mehr ein Puzzle zusammen, erkennt das sind verschiedene Geschichten, die man erzählen kann und aus dieser Mehrdeutigkeit kommt sie auch eigentlich nicht heraus. Jetzt erst zeichnet sich ab, welch ein Drama diese Geiselbefreiung war, wie unvorbereitet Regierung und Polizei waren und wie sehr sie die Situation überforderte. Sie fragt sich immer wieder, wie können sich die große und die kleine Geschichte durchdringen? Können sie sich durchdringen, oder berühren sie sich nur? Ihr wird auch schließlich klar, dieses Attentat von 72, war der Anfang von einem globalisierten Terrorismus, dessen Auswirkungen wir in den letzten Jahren erlebt haben.
Ein fesselnder Gesellschaftsroman und eine Familiensage als Leitmotiv. Das Bauprinzip des Romans sind die sich wechselseitig in ihrem Verhalten beeinflussenden Personen und die Erkenntnis, dass die große Geschichte und Realität, die wir alle immer wieder erleben, sich auch in uns und mit uns vollzieht.
Das Buch hat viele Reflexionsebenen, es arbeitet ausgesprochen atmosphärisch und es stellt feinfühlig die Frage nach Zufall und Schicksal bei gleichzeitiger Findung der Wahrheit.
Ich kann das Buch aus vielerlei Gründen mit Nachdruck empfehlen.
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