Der s.g. Establishing Shot ist die erste Einstellung einer Sequenz, er soll den jeweiligen Ort dem Zuschauer vorstellen. Brian de Palmas "Spiel auf Zeit" beginnt mit solch einer langen Kamerafahrt, die die Hauptfiguren und den Handlungsort des Film darstellt. Wir befinden uns in der riesengrossen "Casino Arena" in Atlantic City. Fernsehteams aus aller Welt berichten live von dem hier bald stattfindenden Weltmeisterschafts-Boxkampf im Schwergewicht mit dem beliebten Stan Shaw (Lincoln Tyler).
Viel Zuschauerprominenz ist angekündigt, darunter auch der am Boxen interessierte US-Verteidigungsminister.
Wir folgen in diesem 15 minütigen von Brian de Palma atemberaubend realisierten Intro einem quasselnden nervigen Großmaul-Cop namens Rick Santoro (Nicholas Cage), der hier freizeitmässig unterwegs ist und dann auch seinen ehemals besten Freund Kevin Dunne (Gary Sinise) trifft. Dieser hat als rechte Hand des Ministers die Aufgabe für dessen Sicherheit zu sorgen.
Diese Szene ist so gut gemacht, dass man das Gefühl hat, sie wäre in einem Rutsch gemacht, die Form dieser Darbietung ist atemberaubend und es verschlägt einem fast die Sprache. Tatsächlich enthält sie einige sehr geschickt platzierte Schnitte, die für den Zuschauer auf den ersten Blick nicht offensichtlich sind.
Dann geht der Boxweltmeister zu Boden, es fällt ein Schuss, der Minister ist getroffen, der Zuschauer vom Sog der schwindelerregenden Kamerafahrten erfasst...und nun heisst es: Halle abriegeln, Attentäter suchen. Die beiden Freunde tun sich zusammen. Schritt für Schritt ermitteln sie aufgrund der Zeugenaussagen. Aufnahmen von Überwachungskameras werden rekonstruiert. Aus diesem Puzzle setzt sich allmählich ein neues Bild zusammen. Bald wird eine grossangelegte Verschwörung sichtbar...
Mit seinen gewohnt filmischen Finessen baut De Palma die Vorgänge auseinander, um sie anschließend aus anderem Blickwinkel wieder völlig anders zusammenzusetzen. So entsteht puzzleartig ein Thriller, der seinen Reiz eher aus der filmischen Umsetzung bezieht.
Es gibt immer wieder Kameraeinstellungen vom Feinsten, genauso gut wie die fulminante Eröffnung ist die Jagd in den Hotelkorridoren und der Blick auf diverse Hotelzimmer. Brian de Palma ist zweifelsohne auf diesem Gebiet ein grossartiger Könner.
Die Story hat natürlich ein paar Logiklöcher, aber die sind eigentlich angesichts der formalen Qualitäten des Films locker zu verschmerzen.
Lediglich das Ende flacht dann etwas ab...was aber angesichts der vorher getätigten filmischen Achterbahnfahrt nicht sehr verwundert. Der Schluss ist einfach ganz normal und konventionell für die Auflösung des Hochglanz-Thrillers.
Der Film kam leider bei der Kritik nicht gut weg. Wieder einmal wurde bemängelt, dass bei Palma Form vor Inhalt gesiegt hat. Dieser Einwand ist zwar nicht falsch, aber man sollte berücksichtigen, dass de Palma ein Meister des Visuellen ist.
Auch Nicholas Cage wurde kritisiert, er wäre fehlbesetzt. Was ich gar nicht nachvollziehen kann: Ich bin zwar kein Fan von Cage, aber hier spielt er extrem glaubwürdig einen nicht immer sympathischen, eher aufdringlichen Cop, der aber im Laufe der Ermittlungen vor nicht absehbare persönliche Probleme gestellt wird und sich entscheiden muss....