Barkers Name steht für Radikalität, Originalität, Skurillität, Spannung, Überraschung und abgrundtiefer Seelenschwärze - er denkt (schreibt) jede Idee bis zum äussersten Ende. Mit den Büchern des Blutes vermag er literarische und phantastische Gourmet-Kost mit absolutestem Horror zu verbinden. Man erinnere sich hierbei an "Agonie der Städte", "Der Mitternachts-Fleischzug" etc.
Die Geschichte um Marty Strauss nimmt vorerst seinen angenehmen Lauf, im Hintergrund lauern jedoch Informationen einer unangenhmen Begegnung, welche zu Beginn des Romans geschildert wurde. Nur schon die Situierung der einleitenden Kapitel ist originell: just nach dem Krieg, zwischen zwei Regierungen in einer gewissermassen anarchistischen Periode verfolgen wir die Reise eines Mannes, der trotz allem Kriegsgreuel die Atmosphäre der teilweise mäuschenstillen, leeren Städte - ein Abbild der Apokalypse schlechthin - mit einer nachvollziehbaren Portion "Genuss" in sich aufnimmt - auf der Suche nach Bestätigung, dass es ein Kartenspieler geben soll, der sein Spiel niemals verlieren tue. Nun denn, seine Suche wird erfolgreich sein...
Genial, wie Barker dann erstmals über eine gewisse Länge hinweg den Alltag eines Ex-Knastis schildert; sowie dessen Reaktivierung nach all den Jahren totalen körperlicher sowie geistiger Stasis. Wir freuen uns mit Marty, wir geniessen die Sonnenstrahlen, die ihn tagtäglich beim Jogging begrüssen, wir verfolgen interessiert, wie sich neue Kontakte innerhalb des "neuen Gefängnisses" bilden. Urplötzlich werden wir Zeuge eines Selbstmordversuches - meines Erachtens ein Highlight des literarischen Horrorgefildes: die akribische Schilderung des Missglückens dieses Unternehmens, ebenso wie das Seite für Seite eskalierende Stadium des körperlichen Zerfalls eines eigentlich im wahrsten Sinn toten Körpers, ebenso die Art und Weise, wie eine grässlich gehäutete, unwissend (un-)tote Frau am Rande ihrer Wahrnehmungen die Folgen ihrer Situation bemerkt: das Surren der Fliegen an ihrem Körper, die merkwürdigen Flecken auf den Möbeln, auf die sie grad eben noch gesessen hat. Meines Erachtens geniale Visionen, die einen vorahnen lassen, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis das Grauen die netten Fassaden rund um Martys Freiheit niederreissen.
Barker legt trotz aller Fiktion viel Wert auf "emotionalen Realismus". Er sagt selbst, dass er gewisse, vorerst geplante dramaturgische Wendungen oder Entwicklungen auf Kosten des Realismus entsprechend abändert. Erste Priorität geniesst demnach die Glaubwürdigkeit seiner Charaktere. Sehr zum Gefallen des Lesers, der sich selbst in den bizarrsten Momenten mit den Gedankengängen der Charaktere identifizieren kann. Die Geschichte selbst wäre also relativ schnell erzählt, doch die fehlende Hektik in Barkers Schaffen, seine geduldsames Erzähltempo lässt einen mit Herz und Seel am Geschehen teilhaben.
Viele schreiben, er tendiere "unnötigerweise" zu pornographischen Beschreibungen. Barkers Horror geschieht oftmals auf "körperlicher Ebene". Das hört sich vielleicht bescheuert an, aber es ist so. In Hellraiser ist die Thematik um das Fleisch, welches unseren Geist hält, überaus zentral - wie auch in anderen seiner Werke - die Körperlichkeit, deren Verletzbarkeitt. Von daher sehe ich persönlich jene Elemente in einem anderen, durchaus plausbiblen Kontext. Abgesehen davon sind seine Beschreibungen nicht perverser als jene von Stephen King. Wir lesen über schönen, leidenschaftlichen Sex. Das ist wohl ähnlich wie der klaffende Abgrund zwischen Liebesglück, und -schmerz. Schlussendlich will uns Barker gruseln, schockieren. Dies jedoch mit styilstisch hervorragenden Mitteln. Er schreibt weitaus bewusster als es King tut. Barker überlegt sich genauer, wie ein Satz zustande kommen soll. Form und Inhalt kommen in durchdachterer Form zum Leser als bei seinen Konkurrenten.