Neue Zürcher Zeitung
Der Hauch des alten Österreich
S. Be. Paolo Maurensigs «Spiegelkanon» ist ein glänzend geschriebener, spannender, kenntnisreicher Roman und trotzdem schliesst man das Buch mit dem Gefühl, es wohl nie wieder hervorzunehmen. Maurensig erzählt die Geschichte des begnadeten Violinisten Jenö Varga, der sich auf die Suche nach seiner Identität begibt und nach einem Gang durch geheimnisvoll verschlungene Wege in einer psychiatrischen Anstalt landet. Die Handlung spielt im Österreich der ersten Jahrhunderthälfte und ist reich an literarischen Echos: Wiener Gasthäuser, ein kerkerhaftes Internat mit sadistischen Erziehern, das Schloss einer alten Adelsfamilie, Gespenster, Doppelgänger, die Verschmelzung von musikalischem Genie und Wahnsinn, die Kunst als Lockruf des Absoluten. Maurensig verflicht all diese Motive meisterhaft und schafft einen Roman, der gerade wegen dieser Meisterschaft vor allem eins ist: das virtuose Spiel eines literarisch beschlagenen Autors. Und dies wiederum verleiht dem Buch die Züge der Beliebigkeit.