Das Kammerstück spielt in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts vor der Kulisse einförmiger Betonarchitektur einer neu erbauten Garnison mit schnurgeraden Wegen und frisch gepflanzten Bäumen. Es ist ein sonniger kühler Herbst, und das weite Himmelsgewölbe des US-amerikanischen Südens leuchtet in imposanten Farben über dem Fort und den umliegenden würzig duftenden Kiefernwäldern. Die aufgeräumte Beschaulichkeit der Szenerie kontrastiert indes krass mit der Verfassung der handelnden Charaktere, zu denen ein Soldat, zwei Offiziere, ihre Frauen, und ein philippinischer Diener zählen.
Der Soldat Williams ist ein Hinterwäldler und Einzelgänger: "Der Geist ist wie ein reichverschlungenes Gewebe, dessen Farben aus den Erfahrungen der Sinne stammen und dessen Muster der Verstand webt. Der Geist des Soldaten Williams war voll verschiedener Farben von oft seltsamer Tönung, aber ohne Linien und ohne Form". Der junge Rekrut ist das Herz der Story, ein Symbol, andere Charaktere stehen in einer Beziehung zu ihm, wobei die Verbindungen zum Teil paranormal-mystische Züge tragen. Der Offizier Penderton ist ein Karrierist, Feigling und tief-unglücklicher verkappter Schwuler. Er ist heimlich in Major Langdon, den Liebhaber seiner alkoholsüchtigen Frau, verliebt. Die schwerkranke Mrs. Langdon, die sich in einem Moment geistiger Umnachtung Brustwarzen mit einer Gartenschere abgeschnitten hat, weiß vor dem Verhältnis ihres Mannes. Ihr schrulliger verzärtelter Diener Anacleto, der seine Herrin anhimmelt, ist ihre einzige Stütze.
Die Protagonisten führen öde einsame Leben in dem abgekapselten Fort, deren tragische Leere Ihnen in unterschiedlichen Maßen bewusst ist. Nur der schweigsame Sonnenanbeter Williams, der ungeachtet seines an eine Geistesstörung grenzenden IQ die Naturgabe der Seligkeit besitzt, kommt in dem Alltagstrott verhältnismäßig gut zurecht. Bis er Mr. Penderton in die Quere kommt in sich in Mrs. Penderton verguckt. Ab nun starren seine bernsteinfarbenen Augen die anderen Romanfiguren vom Grund ihrer Seelen mit beklemmender Durchdringlichkeit an.
Der weniger als 100 Seiten lange Text wird als Roman offeriert. Und obwohl er sich auch in einem Zug liest, rechtfertigt seine erzählerische Dichte doch diese anspruchsvolle Gattungszuordnung. Fast jeder Absatz hätte bei einer weniger puristischen Schreibweise das Potenzial zu einem Kapitel. Carson McCullers besitzt das Talent in wenigen Strichen das Wesentliche zu zeichnen, was der skurrilen Geschichte ihre Glaubwürdigkeit verleiht (als würde die Autorin alle Einzelheiten kennen, dem Leser jedoch nur das Wichtige mitteilen). Diese wahrgenommene Authentizität gepaart mit dem aufrichtigen Mitleid der Schriftstellerin mit ihren kauzigen Charakteren macht ein Teil des eigentümlichen Zaubers der Geschichte aus. Im Wesentlichen jedoch entzieht sich das Werk von Carsson McCullers einer Analyse. Sein Wirkprinzip bleibt letztendlich rätselhaft. Und das ist ein Attribut, das einen wahren Künstler auszeichnet.