"Am Ende jeden Lebens wird jedes eine Strecke oder ein Kreis sein. Die Strecke führt weit und ins Nichts; der Kreis hat eine Rundumsicht und führt fern zu allem. Vor allem zu sich selbst."
Rudyard Kipling
"Ich habe mich, ich weiß nicht mit welchem Erfolg, an unmittelbaren Erzählungen versucht. [...] Ich habe nicht den Ehrgeiz Äsop zu sein. Meine Erzählungen wollen wie die von Tausundeiner Nacht zerstreuen oder bewegen und nicht überreden. [...] Einige wenige Themen haben mich im Lauf der Zeit immer wieder heimgesucht; ich bin entschieden eintönig. [...] Dank meines fortgeschrittenen Alters finde ich mich damit ab, Borges zu sein."
Borges im Vorwort zu "David Brodies Bericht".
Die späten Erzählungen von Jorge Luis Borges gehören zu den besten Erzählungen und Fantasien, die ich je gelesen habe. Wenn ich poetisch sein darf: Sie sind wie der Wind, und erzählen uns alles, was wir erinnern und voraussehen können - allein durch ihre Berührung. Sie sind Anregungen zum Denken und zugleich vollkommene erzählerische Strukturen, in die man sich traumverloren hineinbegeben kann, ohne den Sinn je zu erreichen.
"Wer eine Enzyklopädie erwirbt nicht jede Zeile, jeden Abschnitt, jede Seite und jeden Strich; er erwirbt die bloße Möglichkeit, das eine oder andere davon kennenzulernen."
Borges ist so etwas wie die pure Möglichkeit oder die Reichhaltigkeit der Möglichkeiten. Ich habe mich nun schon eine ganze Weile mit den unterschiedlichsten Facetten seines Werkes beschäftigt und staune immer wieder über die simple Handbewegung, die kleine Phantasie, mit der es ihm gelingt einen weiten Kosmos des Wissens und der Faszination freizugeben.
"Das Speisezimmer und die Bibliothek meiner Erinnerung waren jetzt, da die dazwischen liegende Wand weggerissen war, ein einziger großer kahler Raum mit dem einen oder anderen Möbelstück. Ich will nicht versuchen, sie zu beschreiben, da ich trotz des schonungslosen grellen Lichts nicht sicher bin, sie gesehen zu haben. Ich will das erklären. Um etwas zu sehen, muss man es verstehen. Der Sessel setzt den menschlichen Körper voraus, seine Gelenke und Gliedmaßen; die Schere die Tätigkeit des Schneidens. Was soll man von einer Lampe oder einem Wagen sagen? Der Wilde kann die Bibel des Missionars nicht erkennen; der Passagier sieht nicht das gleiche Takelwerk wie die Matrosen. Wenn wir das Universum wirklich sähen, würden wir es vielleicht verstehen."
Warum Borges lesen? Weil man nirgendwo mehr erkennt, dass die Welt nicht bloß aus einem Raum besteht, der sich aus Decke, Wänden, Böden und dem ewig gleichen Gang an diesen Grenzen entlang, zusammensetzt, sondern ein Haus, ein Labyrinth mit unendlich sich verzweigenden Gängen. Borges erfreut uns mit Gedankenspielen, Fantasien und Mythen; aber irgendwie steckt in diesem Spiel die Klarheit eines neu entfachten Blicks.
"Der Leser sei gewarnt: Die Begebenheiten sind weniger wichtiger als die sie auslösende Situation und die Charaktere"
In diesem Buch sind die letzten drei Prosaarbeiten von Borges vereint: "David Brodies Bericht", "Das Sandbuch" und der kurze Band "Shakespeares Gedächtnis".
Der erste Band setzt sich vor allem aus Geschichten mit argentinischem (Gaucho-)Hintergrund zusammen; "Das Sandbuch" ist ein wunderbar mythisches Buch, voller phantastischer und philosophischer Genüsse - es hat mir sogar noch besser gefallen als die grandiosen Fiktionen; der letzte Band umfasst die vier letzten Erzählungen von Borges. In allen drei Bänden ist Borges ganz zu sich selbst zurückgekehrt. Es ist erstaunlich wie wunderbar und gesetzt er seine Prosa um etwas webt, scheinbar ohne es selbst zu kennen, als wäre das Schreiben für ihn selbst eine solche Erfahrung wie für uns das Lesen.
"Einmal hat uns dein verstorbener Vater gesagt, dass man Zeit nicht so in Tagen messen kann, wie man Geld in Pesos und Centavos misst, weil die Pesos gleich sind, aber jeder Tag und vielleicht sogar jede Stunde verschieden."
Zum Ende möchte ich hoffen, was auch Borges hoffte:
"Ich hoffe, die eiligen Anmerkungen, die ich hier diktiert habe, erschöpfen dieses Buch nicht; ich hoffe, seine Träume verzweigen sich weiter in der gastfreundlichen Phantasie derjenigen, die es jetzt schließen."
Dies ist am Ende für mich weder Frage noch Hoffnung, sondern eine Tatsache. Trotzdem hoffe ich, dass meine Erläuterungen nicht abschrecken und dazu beitragen, dass Borges gelesen, bedacht und geliebt wird.