Kurzbeschreibung
Untersuchungen über das Zustandekommen und die Funktion von Gedächtnis und Erinnerung nehmen in der gegenwärtigen kulturwissenschaftlichen Diskussion einen breiten Raum ein. Das verstärkte Interesse an der historischen Gedächtnisforschung hängt mit den seit dem 19. Jahrhundert immer deutlicher wahrnehmbaren, beschleunigten Veränderungen der Lebenswelt zusammen. Dazu kommt die schuldhafte, traumatische Erfahrung des Holocaust, die zu kontinuierlichem Erinnern verpflichtet. Zunehmende Mobilitäten und globale Vernetzungen durch neue Kommunikationsformen haben seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Erweiterung des individuellen und kollektiven Bewußtseins beigetragen. Zugleich bewirken sie aber auch Verunsicherungen, da traditionelle Ordnungsmuster, an denen sich das Individuum und die Gesellschaft orientierten, abhanden zu kommen scheinen. Daraus erklärt sich das zunehmende Interesse an dem Zustandekommen und an der Funktion von Identität, die nicht zuletzt durch das Sich-Erinnern an etwas Vergangenes begründet wird. Dabei gibt es bestimmte Orte, im wörtlichen und im übertragenen Sinne, in denen gesellschaftliches Gedächtnis lagert und an die sich Erinnerung, in unterschiedlicher Weise, immer wieder klammert. Die historische Gedächtnisforschung zielt zuweilen auf das Zustandekommen von nationalen Identitäten ab und versucht Nationalgeschichte neu zu begründen (Pierre Nora, Mario Isnenghi). Dem gegenüber verfolgt dieses Vorhaben einen neuen Ansatz in der historischen Gedächtnisforschung. Denn die typischen Gedächtnisorte in Österreich, die stets von der komplexen kulturellen und ethnischen Vielfalt Zentraleuropas beeinflusst waren, weisen einen prinzipiell transnationalen Charakter auf. Sie wurden zwar zuweilen national vereinnahmt, doch die in solchen Orten ruhenden Identifikatoren sind nicht auf das Nationale ausgerichtet. Damit haben die hier gewonnenen Erkenntnisse auch für andere, außereuropäische Gesellschaften Bedeutung, die bis heute multiethnisch und multikulturell zusammengesetzt sind.
Klappentext
Das Buch Speicher des Gedächtnisses behandelt zum ersten Mal Bibliotheken, Museen und Archive Wiens, Österreichs und Zentraleuropas unter dem neuen Aspekt der historischen Gedächtnisforschung. Diese untersucht Gedächtnisspeicher unter dem Gesichtspunkt ihrer kulturellen und ethnischen Vielfalt, die eine Vielzahl von Erinnerungsweisen zulässt. Namhafte internationale Fachleute diskutieren die theoretischen Voraussetzungen von Gedächtnisspeichern (Aleida und Jan Assmann, Ernst Schulin, Gottfried Korff, Konrad Köstlin, Gotthart Wunberg u.a.), während andere an Fallbeispielen (z.B. Nationalbibliothek, Staatsarchiv, Ferdinandeum, Joanneum, Ossolineum, Jüdisches Museum, Klosterbibliothek, Tagebuch, Verduner Altar) die konkrete Gedächtnisfunktion solcher Orte zu erläutern versuchen (Leopold Auer, Ernst Bruckmüller, Hermann Fillitz, Ellen Hastaba, Christian Hannick, Felicitas Heimann-Jelinek, Lucijan Puchalski, Katalin Sinkó, Monika Sommer, Werner Telesko, Helene Zand u.a.).