'Speed - Eine Gesellschaft auf Droge' - von Hans-Christian Dany
Die Welt des 21. Jahrhunderts befindet sich im Zeitalter der Globalisierung, dem Resultat der rasanten Entwicklung neuer Kommunikationstechnologien. Aus der weltweiten Verflechtung jeglicher Lebensbereiche ergeben sich zwar vollkommen neue Möglichkeiten der individuellen Entfaltung, jedoch rücken die Bedürfnisse des einzelnen verstärkt in den Hintergrund, weil die Verwirklichung globaler Ziele fokussiert wird. Durch die Ungewissheit über Ausmaß der jüngsten Wirtschaftskrise, Klimawandel und möglichen Terroranschlägen, fühlt sich die Welt bedroht.
Drogen sind seit frühster Menschheitsgeschichte fester Bestandteil der Gesellschaft. Abhängig vom Zeitgeist der Epoche ist Thematisierung oder auch Tabuisierung, sowie Genre und Einfluss des Rauschmittelkonsums auf die Gesellschaft. Die Droge Amphetamin entspricht dem gegenwärtigen Lebensgefühl der modernen Neuzeit, welche von enormer Geschwindigkeit durch den technologischen Fortschritt, Reizüberflutung, Verwirrung und Ungewissheit über die Zukunft gekennzeichnet ist. Um in der Gemeinschaft bestehen zu bleiben, wird die Erbringung von Leistung im Sinne des Gemeinwohls, verlangt. Persönliche Bedürfnisse werden zunehmend unbedeutend. Um nicht in der Masse unter zu gehen, lässt man Handlungen entsprechend der Wirksamkeit wenig Raum für Makel, Fehltritte und Emotionen. Um den Leistungsdruck des Alltags gewachsen zu sein und 'negative' Gedanken und Empfindungen zu unterdrücken, andererseits die Flucht aus der Realität und die als angenehm empfundenen Gefühle zu wecken, sind hauptsächlich Gründe für steigende Anzahl der Speedkonsumenten.
Das Buch 'Speed - Eine Gesellschaft auf Drogen' von Hans-Christian-Dany aus dem Jahre 2008, beschreibt nicht nur die Wirkung von Amphetamin und nimmt Bezug auf gesellschaftliche Entwicklung, sondern erzählt die Geschichte des Wirkstoffs und zeigt die Wechselwirkung zu bedeutenden politischen, ökonomischen und kulturellen Ereignisse. Diese hierbei angewandte Erzählweise der modernen Montagetechnik, grenzt die einzelnen Abschnitte, mit teilweise sarkastischen oder provokanten Titeln, inhaltlich voneinander ab. Meine Neugier wurde insbesondere durch die Teilüberschriften 'Paranoia und Produktivität' (Zitat: S. 93) und 'Getanzte Normalität' (Zitat: S. 158) geweckt. In chronologischer Abfolge der Geschichte über Amphetaminnutzung wird das gesamte Wirkungsspektrum aufgezeigt und mit Ereignissen, wie beispielsweise 1.- und 2. Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, wie auch Fall des 'Eisernen Vorhangs' verknüpft. Außerdem wird auf populäre Persönlichkeiten, die bei Betrachtung einzelner Teilaspekte eine Rolle spielen, zum Beispiel Hitler, Präsident Nixon, Elvis Presley und den berühmten Buchautor James Dick, eingegangen und mitunter hinsichtlich des Einflusses von Drogen auf ihr Schaffen untersucht. Die vielschichtige, informative und unterhaltsame Darstellung ergibt ein stichhaltiges Argumentationsgefüge. Der hypotaktische Satzbau weckt die Aufmerksamkeit des Lesers, bei dem, unter anderem durch Ironie, die sich vor allem in der kreativen Sprachgestaltung wieder findet, ein Erkenntnisprozess in Gang gesetzt wird. Die sprachlichen Bilder und Vergleiche, wie bei der Beschreibung des Kontrasts zwischen Rausch als 'orgiastische Selbstverschwendung' und Rückkehr in den vorherigen Bewusstseinszustand mit vom 'erlebten Rausch bleiben [letztlich nur] Trichter der Leere zurück' (Zitat: S 163 Z. 5/6), dienen der Verstärken der Anschaulichkeit.
Durch Bezugnahme auf andere Themenbereichen kann eine breite Zielgruppe Zugang erlangen. Auch für die bereits sehr gut informierten, bietet das Buch einen eher untypischen Überblick zum Problem, der dem Leser trotz vielfach angewandter unterschwelliger Kritik zureichend Freiraum für eigene Meinungsbildung bietet. Beweggründe für den Konsum von Rauschmitteln sind weitreichend und unterschiedlich. Die 'Nutzung von Drogen [ist] meist kein moralisches oder strafrechtliches Problem mehr' (Zitat S. 179 Z.2/3). 'Viele Schwarzmärkte für Drogen [sind] in Ordnung Ihrer Umgebung integriert' (Zitat S. 179 Z. 19 ff.) 'Fast jeder kennt Menschen in seinem Umfeld, die unzulässige Drogen nutzen, oder tun es selbst'(Zitat S.179 Z. 23 ff.)
Wohingegen die konventionelle Erläuterung zum Thema einen unmoralischen, heimtückisch verheerenden Beigeschmack hinterlässt, sodass man sich in der Sichtweise sehr eingeschränkt fühlt, werden hierbei durch komplexe Darbietung einer genialen, schlüssigen und überzeugenden Beweisführung, bisher unbekannte erstaunliche Zusammenhänge in originellem Sprachstils erläutert und die Entwicklung eines persönlichen Standpunktes fördert. Deshalb halte ich das Buch für besonders lesenswert. Überzeugt euch selbst!