Bei "Speckseites Ostseefahrt - Männer und Schiffe" handelt es sich um die Neuauflage des bereits 1985 unter dem dänischen Originaltitel erschienenen Romans "Moegene og Skibet", dessen frühere deutschsprachige Ausgaben (aus dem W. Butt Verlag und Heyne Verlag) seit einigen Jahren vergriffen sind.
Torkel Gudmundsen, ein echter "Wolf des Meeres" aus Havn in Norden Jütlands raubte bei einer Wikingfahrt im kurländischen Bulk einen wertvollen Reliquienschrein, den er jedoch nicht mit nach Hause nehmen konnte, sondern fluchtartig verstecken musste.
Infolge einer peinlichen Verletzung seines verlängerten Rückens, die er sich bei einem Gefecht mit nordischen Rivalen aus Gotland zugezogen hat, ist Torkel außerstande seine Beute zu holen und ersucht seinen Bruder Sigvald, genannt "Speckseite", dies für ihn zu übernehmen. Sigvald und seine ebenso betagten Kameraden, deren Namen ebenfalls Progamm sind, Gunner Flachhorn,, Stumm Visgot, Heilig-Asmund, Schonen-Glippe und Sote Zweifinger machen sich nun auf zu ihrer jährlichen Handelsfahrt......
Obwohl der Roman keine Jahreszahlen vorweist, lässt er sich jedoch infolge von Bemerkungen seiner Protagonisten auf den Anfang des 11. Jahrhunderts datieren. Über Dänemark herrscht König Sven "Gabelbart" (reg. 986-1014), der mit Hilfe der legendären Bruderschaft der "Jomswikinger" (aus Wollin an der Odermündung) den unbotmäßigen norwegischen Jarl Hakon unterwerfen will und Raubzüge nach England unternimmt. Ungeachtet Harald I., der bereits 826 das Christentum angenommen hatte und Sven's Vater Harald II. gen. "Blauzahn", der den gleichen Schritt unternahm, huldigt noch ein großer Bevölkerungsteil den alten Göttern oder praktiziert einen pragmatischen Mischglauben. Großfürst Wladimir, der warägischer (schwedischer) Abstammung ist und 988 das orthodoxe Christentum angenommen hatte beherrscht das Land der Rus, mit seiner Hauptstadt Känugard (Kiew). Neben dem Genuss von gutem und vor allem reichlichen Bier, ziehen Sigvald und seine Kameraden einen guten Tauschhandel jeder Rauferei oder kriegerischem Auftreten, einschließlich einem "Heldentod" vor. Den Sinn, Zweck und vor allem Nutzen christlicher Missionare und ihres "neuen" Glaubens stellen sie genauso infrage, wie sie sich über ihre alten Götter lustig machen können....
Knud H. Thomsen ist mit "Speckseites Ostseefahrt" eine zugleich geistreich-witzige, vor allem rabenschwarze Satire gelungen, in der ihre verschrobenen, aber schlitzohrigen Protagonisten ihre Version des Wikingerdaseins voll ausleben. Der Umfang des Romans (272 Seiten) ist entgegen anderen in epischer Breite angelegten Werken wie "Die Grönlandsaga" von Jane Smiley oder "Die Gudridsaga" von Kirsten A. Seaver von nahezu lakonischen Kürze. Die darin liegende Würze trifft auch auf die Dialoge der "Antihelden" zu, denen auch die umständliche Langatmigkeit mancher finno-ugrischer Osteeanrainer unverständlich ist. Das schnell zu lesende Buch ist nicht nur eine Parodie der helden- und ruhmreichen Wikingerwelt der "Aidan"-Romane von Stephen Lawhead, "Unter dem Drachenkopf" von Gert Feldmeier oder "Röde Orm" von Frans G. Bengtsson, sondern stellt sie geradewegs auf den Kopf. Mit 4 Amazonsternen zu bewerten, hat der unterhaltsame Roman, aufgrund seines Hintergrundes, das Prädikat "historisch" durchaus verdient.