Ach, es ist schon gemein. So groß der Genuss beim Hören dieses Doppel-Albums auch ist, es schwingt immer dieser bittere Beigeschmack mit, dass ich wohl das letzte Mal ein unter dem Namen OutKast veröffentlichtes Produkt in den CD-Player werfen darf. Ein echtes OutKast-Album ist es dabei ja nicht mal mehr. Vielmehr 2 Solo-Alben, die nur zu Vermarktungszwecken unter dem bekannten Namen zusammen veröffentlicht wurden. Und das Hören zeigt überdeutlich, wie unterschiedlich die musikalischen Vorstellungen von Big Boi und Andre mittlerweile sind.
Auf der einen Seite ist da Big Boi's "Speakerboxxx": Quasi OutKast minus Dre so wie man sich's vorstellt. Was nicht negativ zu verstehen ist, denn das heißt weiter qualitativ höchstwertiger Hip Hop, kreativ, abwechslungsreich und von Big Boi zurecht als "Funk with a whole lotta funk" beschrieben. Vom abgespaceten, an "B.O.B." erinnernden "Ghettomusick" über Tanzbodenfeger wie das hölllisch coole "Bowtie" bis zu ruhigerem Stoff wie "Reset" mit 2/3 des (Ex-)Goodie Mob, it's all golden. Dazu Gäste wie Jay-Z, Luda und Lil' Jon - Hip Hop galore. Wenn jetzt nur noch Andre mit dabei wäre, dann könnte das durchaus an das Über-Album "Stankonia" hinreichen. Ach, es ist schon gemein...
Und dann wäre da noch "The Love Below", die kreative, verrückte Spielwiese des Andre 3000, wo dieser sich nun wirklich völlig losgelöst von allen, bei OutKast eh schon meist recht unbeachteten Stilgrenzen austobt. Das heißt im Klartext: Kein Hip Hop, zumindest kein Rap. Genau 2mal kommt man in den Genuss von Andres Reimen, und so schade das ist, es macht den Weg frei für eine Reise, die beim ersten Durchhören noch häufig befremdlich sein mag, dann aber mit jedem Erleben an Schönheit gewinnt, bis man sie schließlich als den Geniestreich erkennt, für den ich sie jetzt halte. Mr. Benjamin erzählt mal wie Sinatra (im jazzigen "Love Hater"), mal wie George Clinton, mal als Alter Ego "Cupid Valentino" (ein moderner Amor mit rosa Pistole statt Pfeilen! - in "Happy Valentine's Day") von allen Facetten der Liebe, egal ob er es gar nicht erwarten kann, mit seiner neuesten Eroberung endlich Körpersäfte auszutauschen ("Spread") oder ehrfürchtig eine wahre Dame bewundert ("Behold a Lady"). U.a. Norah Jones und Kelis geben sich die Ehee, wobei ich die Songs mit ihnen beide zu kurz finde - schade. Das Album ist trotzdem ein einzigartiges Hörerlebnis, und besonders lobenswert finde ich, dass Dre 3 Interludes dazwischengepackt hat, die allesamt sehr amüsant und nicht überflüssig sind; sowas ist selten.
2 fantastische Scheiben also, mit denen die beiden einen würdigen Abtritt feiern. Wer noch an der Trennung zweifelt, dem empfehle ich, das Interview in der letzten JUICE durchzulesen: Dre scheint wirklich keine Lust mehr zu haben. Ach, es ist schon gemein.