Abstecher sind manchmal nötig, um ans Ziel zu gelangen. Genauso wie belangloser Small-Talk ab und zu eine sachliche Diskussion auflockern und weiterbringen kann. Was aber, wenn Abschweifungen zum Formprinzip werden? Oder wenn abgelegene und verlaufene Trampelpfade zum einzig begehbaren Weg mutieren? Eben das ist die Welt des Wayne Shorter, des Late-Bloomers unter den Jazz-Musikern, der erst mit 16 Jahren sich ernsthaft mit Musik auseinanderzusetzen begann. Nach ersten Anfängen im Hardbop-Bereich fand er zu seinem einzigartigen Prinzip der lyrischen Unvorhersehbarkeit. Genauso wie er sich in Interviews und Gesprächen immer in einen Wust aus Nebensächlichkeiten und ein Chaos aus Assoziationen verlor, verweigerte er auch in seinem Spiel die öde Routine, ohne dabei renitent oder unwillig zu sein, sondern mit sanfter Beharrlichkeit zu seinem Abschweifungsprinzip. Im Inneren des permanenten Revolutionärs wohnte ein fast schon manischer Hang zum ständigen Editieren. Und genau das sind auch die Eigenschaften, die einen Großmeister der Improvisation ausmachen, die sich durch das Wissen um Ursache und Wirkung determiniert, wie Shorter einmal sagte. Auf seinem 64er Blue Note Meisterwerk Speak No Evil transformiert er genau diese Gedankensprünge in ein musikalisches Äquivalent. Die Aufnahme zeigt Shorter unerreicht in seinem Gespür für melodische Feinheiten und klangräumliche Details, und zeitlos in den harmonischen Abläufen. Das Werk strotzt nur so von geheimnisvollen, kryptischen und komplexen Akkordfortschreibungen sowie sprunghaften Melodien, die zweifellos das Synonym für die unverwechselbare kompositorische Handschrift des großen enigmatischen Saxophon-Lyrikers Shorter sind. Das Paradebeispiel auf diesem Album für seine imaginative Musik ist das unikate "Dance Cadaverous", das von vielen Akkordwechseln geprägt ist. Hilfreich ist hierbei Herbie Hancock am Piano, der mit komplexen Flächen in seiner markanten Art verschiedene Rhythmusvariationen zyklisch aufbaut und miteinander interagieren lässt. Obwohl Shorter auf diesem Stück mit der klassischen Hardbop-Besetzung aus Trompete, Saxophon und Rhythmusgruppe arbeitet, fügt er dennoch sein einzigartiges und unberechenbares harmonisch-melodisches Vokabular ein, das frei von ekstatischen Selbstbegeisterungen ist. Dieses Prinzip war es auch, das Miles Davis später zu seiner stilistischen Wiedergeburt auf dessen Bahn brechenden Alben In A Silent Way und Bitches Brew verhalf, an denen Shorter vor allem kompositorisch zusammen mit Joe Zawinul erheblichen Anteil hatte. Der Opener auf Speak No Evil ist das bluesige "Witch Hunt". Gefolgt von "Fee-Fi-Fo-Fum", dem berühmten Ausspruch des Riesen aus dem Märchen Jack And The Beanstalk (Hans und die Bohnenranke). Shorter assoziiert die Bewegungen des Giganten Tulpe in seinem Himmelsschloss musikalisch mit einem farbenreichen und eruptiven Solo, sowie einem flexiblen kompositorischen Konzept aus weit aufgefächerten Phrasierungen und einer breit diversifizierten Palette an Timbres. "Infant Eyes" ist ein musikalisches Portrait von Shorters kleiner Tochter, bei der eine Gehirnverletzung diagnostiziert wurde, weswegen er sich der Religionsgemeinschaft Soka Gakkai anschloss. Der Titeltrack des Albums ist ebenfalls eine eskapistische Flucht von Rhythmen und Melodien aus dem traditionellen Jazzkorsett heraus. Das Quintett auf Speak No Evil setzt sich neben Shorter am Tenor-Sax und Herbie Hancock am Piano aus Freddie Hubbard (Trompete), Ron Carter (Bass) und Elvin Jones (Drums) zusammen. Der Klang dieser CD-Veröffentlichung ist gut. Es handelt sich um die gewohnt qualitativ hochwertige Remasterarbeit von Rudy Van Gelder aus dem Jahre 1998 (99 veröffentlicht)!