Als Inhaberin einer eigenen Firma für Rhetorik sowie Kommunikation berät und trainiert Anita Hermann-Ruess als Expertin die unterschiedlichsten Branchen. So steht’s auf dem Klappentext. Gefragt sei sie auch als Referentin und Dozentin an Hochschulen und in der Wirtschaft. Ich erwähne dies deshalb, weil sie ihre Theorien über die Funktionsweise des Gehirns auch in viele Köpfe trägt. Und die meisten dieser Köpfe werden danach glauben, dass es tatsächlich so sei. Für die Kunst der Rhetorik hat dies kaum Konsequenzen. Für die Vorstellung über unser Gehirn aber schon. Vor allem, weil das Ganze unter dem Stichwort „Neuste Erkenntnisse“ läuft.
In der Neurologie herrscht so wenig Einigkeit über die richtige Theorie wie in allen Wissensgebieten. Da es eine eher junge Wissenschaft ist, sogar noch weniger. Doch was in den letzten zwanzig Jahren über linke und rechte Gehirnhälften gesagt wurde, stösst bei den meisten renommierten Neurologen inzwischen auf grosse Skepsis. Und wer sich so explizit wie die Autorin auf die Neurologie beruft, muss sich auch zwingend mit der Erkenntnis auseinandersetzen, dass Verhaltensänderungen durch Einsicht zu den absoluten Ausnahmen gehören. Anita Hermann-Ruess greift bei ihren neurologischen Ausführungen auf die Werke von Hans-Georg Häusel, Ned Herrmann und ein Buch von Manfred Spitzer zurück, um daraus eine neue Mischung zu kreieren. Das kann gut gehen, führte aber in diesem Fall eher zu einem Menu, das wir auf den Speisekarten wissenschaftlich arbeitender Hirnforscher vergeblich suchen.
Hans-Georg Häusel kommt das grosse Verdienst zu, Ergebnisse aus den Labors der Hirnforscher in die Unternehmen getragen zu haben, indem er anschauliche Metaphern für komplexe Vorgänge formulierte. Die Funktionsweise des limbischen Systems in drei Systemen zusammenzufassen, die er Balance, Stimulanz und Dominanz nennt, ist bestechend und nachvollziehbar zugleich. Denn damit können wir unzählige Stimuli und Vorlieben in ein vermittelbares Ordnungssystem bringen. Doch wenn diese Ordnung in ungeschickte Hände fällt, suggeriert sie ein Menschenbild, das mit demjenigen der modernen Hirnforschung nur noch wenig zu tun hat. Mit anderen Worten: Mit dem angeblich wissenschaftlichen Rekurs auf die Neurologie werden alte Glaubensbilder neu belebt und abgesegnet.
Das von Ned Herrmann vor über zwanzig Jahren entwickelte Brain Dominanz Instrument, kurz HBDI, basiert auf Annahmen, von denen viele überholt sind, seit den Neurologen neue technische Hilfsmittel zur Verfügung stehen. An das HBDI-Modell darf man natürlich glauben, so lang man will. Unstatthaft ist nur, es als letzten Schrei der Neurologie zu verkaufen und so in die Ewigkeit retten zu wollen.
Was bleibt inhaltlich, wenn man den neurologischen Ballast abwirft? Ein gut aufgemachtes, locker zu lesendes und klassisches Rhetorik- bzw. Präsentationslehrbuch. Präsentationsziel festlegen, Zielgruppe analysieren, Kernbotschaften auswählen und beweisen, strategisch anordnen und überzeugend gliedern, einleuchtend, anschaulich und fesselnd formulieren, passend inszenieren. Und wenn die Vorbereitungen abgeschlossen sind, muss man sich nur noch die vier Feinde Lampenfieber, Pannen, Einwände und Angriffe zu Freunden machen. Wie allerdings ungeübte oder untalentierte Redner das schaffen sollen, wenn der grösste Teil ihrer Verhaltensmuster vom Unbewussten gesteuert werden, bleibt uns die Autorin grösstenteils schuldig. Das erstaunt mich allerdings wenig, wenn man unter moderner Hirnforschung lediglich die Konzepte von Häusel und Herrmann versteht.
Mein Fazit: Ein Buch über gelingende Präsentation, das die bekannten Elemente, Notwendigkeiten und Fallstricke veranschaulicht und mit Verweisen auf die Hirnforschung neu einbettet. Dumm ist nur, dass damit auch Vorstellungsbilder in die Welt hinausgetragen werden, die in den Labors moderner Hirnforscher nicht mehr an der Wand hängen.