„Dreamt For Light Years In The Belly Of A Mountain“
Mark Linkous, Mastermind des mit wechselndem, oft namhaftem Personal besetzten Projekts Sparklehorse, ist niemand, der im jährlichen Turnus ein neues Album aufnimmt. Tatsächlich sind seit der Gründung der Band 1995 gerade mal drei Alben und einige EPs erschienen. Für den neuen Longplayer mit dem für Sparklehorse typischen exzentrischen Titel „Dreamt For Light Years In The Belly Of A Mountain“ hat sich der Sänger und Songschreiber, der als einer der kreativsten, aber auch rätselhaftesten Vertreter der Lo-Fi-Generation angesehen wird, sogar fünf Jahre Zeit gelassen. Und das aus einem einfachen Grund. Mark Linkous fand schlicht nicht die Zeit, um neue Songs zu schreiben und im Studio nach Herzenslust mit seiner Stimme, diversen Gitarren, Keyboards, Samplern und einem Sammelsurium mehr oder minder skurriler Klangerzeuger zu experimentieren.
In den letzten Jahren war er ausgiebig weltweit auf Konzertreise unter anderem als Support von den Flaming Lips und Beth Gibbons & Rustin Man. Außerdem arbeitete er wie bereits in der zweiten Hälfte der 90er mit diversen Musikern und Bands zusammen. So stand er mit Goldfrapp, Beth Orton, Dangermouse und zuletzt Cracker im Studio, spielte mit Thom Yorke von Radiohead ein Cover von Pink Floyds „Wish You Were Here“ ein, produzierte Alben von Nina Persson (Cardigans) und Daniel Johnston und komponierte Songs für den Film „Laurel Canyon“, von denen „Shade And Honey“ nun endlich auch in seiner eigenen Version auf dem neuen Album zu hören ist. Im Film wurde der Titel von dem Schauspieler Alessandro Nivola gesungen.
Neben seinen vielen Engagements musste Mark Linkous auch einen Umzug bewältigen und sein legendäres Static King Studio am neuen Ort einrichten. Hier, in der Nähe von Hayesville in den Bergen von North Carolina, fand er dann endlich doch noch Zeit und Muße ein neues Album aufzunehmen - noch dazu eines, das nur so strotzt vor aberwitzigen Ideen, stilistischen Sprüngen, abenteuerlichen Klangphantasien und geheimnisvollen Botschaften und Geschichten.
Wie bei „Vivadixiesubmarinetransmissionplot“ (1996) und „Good Morning Spider“ (1998), den ersten viel beachteten Longplayern von Sparklehorse, die Mark Linkous zum großen Teil in der ländlichen Abgeschiedenheit seiner Farm in Virginia im eigenen Studio eingespielt hatte, entstanden auch die meisten Titel von „Dreamt For Light Years In The Belly Of A Mountain“ im Alleingang. Gleichwohl: Ganz auf den kreativen Austausch mit anderen Musikern wollte der hochaufgeschossene Sänger und Songschreiber auch diesmal nicht verzichten. Neben seinen langjährigen Begleitern Scott Minor (Schlagzeug) und Sophie Michalitsianos alias Sol Seppy (Bass, Violine, Gesang) gaben sich Stephen Drodz (Flaming Lips), Johnny Hott (House Of Freaks, Gutterball) und Dave Fridman (Mercury Rev), Produzent von unter anderen Weezer und Low, sowie der Schöpfer des ersten Bastard-Pop-Albums, Dangermouse, die Ehre. Letzterer, derzeit erfolgreich mit Gnarls Barkley, hat vier Songs co-produziert und war auch beim Abmischen in Butch Vigs Smart Studio in Madison, Wisconsin beteiligt. Zudem ist auch wieder Tom Waits, dessen Album „Swordfishtrombones“ einst den Auslöser für die Gründung von Sparklehorse lieferte, am Piano zu hören. Nur handelt es sich bei „Morning Hollow“ nicht um eine neue Aufnahme, sondern um einen Outtake aus der Session zum letzten Album „It’s A Wonderful Life“ (2001).
Inspiriert von seinem neuen Leben in der eindrucksvollen Landschaft der Smoky Mountains hat Mark Linkous gleichermaßen mysteriöse wie magische Songs kreiert, in denen Bären um die Hütte streifen, Hirsche vor Jägern flüchten, Geister den Himmel bevölkern und Christbaumkugeln die Nacht erleuchten. Zarte Balladenkunst („Return To Me“, „Morning Hollow“) bricht sich an ruppigen Lärmausbrüchen („Ghost In The Sky“, „It’s Not So Hard“) und bittersüßer Pop („Shade And Honey“, „Mountains“) wechselt mit verschrobenem Psychedelic-Folk („See The Light“). Mit dem über zehn Minuten langen, rein instrumentalen Titelstück ist Mark Linkous zudem eine Filmscore-reife, traumhaft schöne Klangelegie gelungen.
Nicht minder ungewöhnlich sind der psychedelische Opener „Don’t Take My Sunshine Away“ und das verträumte „Knives Of Summertime“, die beide klingen, als wären sie verschollene Aufnahmen aus den Abbey Road Studios. Verblüffend auch, wie Mark Linkous auf der befremdlichen Ballade „Getting It Wrong“ seine Stimme elektronisch bis zur Unkenntlichkeit manipuliert. Gerade durch die zuletzt genannten Titel deutet „Dreamt For Light Years In The Belly Of A Mountain“ etwas mehr als die Vorgängeralben in Richtung Pop. Dennoch ist vom flüsternden Gesang über die verführerischen Melodien bis zu den rauschhaften Sounds alles vorhanden, was Sparklehorse seit einer Dekade auszeichnet.
Dass Mark Linkous und seine Studiogäste mit diesem facettenreichen Panoptikum angenehm rätselhafter Songs Fans und Kritiker erneut begeistern werden, steht außer Frage. Schön zu wissen ist auch, dass Sparklehorse in diesen Tagen wieder auf internationale Tournee gehen. In Deutschland wird die Band am 29.10. in Köln und am 30.10. in Hamburg Station machen. Das werden garantiert bittersüße Konzertabende.
August 2006
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