Anfangs befürchtete ich ein langatmiges Buch über die Bedingungen der 20-jährigen Haftzeit in Berlin-Spandau. Doch mindestens die Hälfte des dicken Buches handelt von weiteren "Erinnerungen" des Ministers und Architekten vor 1945.
- Natürlich will er auch das Verständnis des Lesers gewinnen und wieder als "normaler" Mensch akzeptiert werden. Wer Speer nicht mag - eine pauschale Anti-Haltung wegen seiner verhängnisvollen Rolle als Rüstungsminister könnte ich verstehen - und ihm wegen seiner Position als Teil der Kriegsschuld keine Aufmerksamkeit zubilligt - der sollte das Buch nicht kaufen. Eine Antipathie gegen Speer kann man auch durch seinen hohen Ehrgeiz bekommen. Im Laufe der Lektüre wuchs meine Achtung vor Speer von Kapitel zu Kapitel, besonders:
- Immer wieder geht es ihm um Hitler persönlich. Ein Ereignis: Er erinnerte sich gerne an die ersten Begegnungen mit Hitler, als er dessen Wohnung neugestalten mußte, er zeichnet diesen Hitler mit freundlichen und bewundernden Farben.
- Als Kontrast: 1944 läßt Hitler ihn zu sich kommen, es sind gerade schwere Bombardements auf Berlin. Hitler bedauert die Zerstörung einiger Theaterbauten und sagt zynisch: "Jetzt werden die Wohnhäuser ausradiert, wissen Sie wie egal mir das ist? Wir können als Sieger nach dem Krieg mit unseren Architkturplänen ein neues Germania (Berlin) endlich errichten."
Hier soll Speer angewidert reagiert haben, er fühlte (schreibt er zumindest) Loyalität zu Deutschland und seiner Bevölkerung, nicht zu einem Führer, dem offenbar Deutschland und seine Menschen nichts bedeuteten.
- Noch schockierter und enttäuschter war Speer nach dem Selbstmord Hitlers, als er von dem Testament seines ehemaligen Führers erfuhr. Was Hitler schrieb, rückte zum großen Teil seine eigene Person in den Mittelpunkt, kein Wort des Dankes und der Emotion an die (ihm blind) treuen Deutschen. Und am Ende die Aufforderung zum weiteren Antisemitismus.
- Speer schreibt über den Antisemitismus, daß er ihn als eine "Spinnerei" aus früheren Wiener Tagen hielt, wie viele andere aus Hitlers Umgebung (die seine ständigen und wirren Monologe über Rassismus nervte, Speer schreibt, daß Hitler bei den vielen Mißerfolgen des Krieges am Schluß einen Sündenbock brauchte um weiter an die Größe seiner eigenen Führerfunktion zu glauben) und niemals eine derartige Konsequenz erwartet hätte. Freilich hat Speer oft weggeschaut. Er selbst bezeichnet sich ja auch als Pferd mit Scheuklappen. Wohl nicht das einzige seiner Zeit ...
- Speer war in seiner Haft noch sehr stolz auf seine Mitwirkung an neuer Schönheit im Reiche. So mußten Fabriken in schönem Baustil errichtet werden, bekamen z.T. einen Park und See, Bauernhäuser durften keine Wellblechdächer haben, Kasernen glichen Schlössern. Er sieht dies immer noch als einen positiven Aspekt des dritten Reiches.
- Nicht zuletzt ist auch die Schilderung seiner Mithäftlinge interessant. Dönitz soll Speer manchmal als Verräter bezeichnet haben, da Dönitz sich dem Führerbefehl unterstellt fühlte (egal in welche Richtung er ging) und auch in der Haft dazu stand (auch eine Art Ehrlichkeit) während Speer den Eindruck zu vermitteln versucht, daß er Loyalität den Deutschen als Gesamtheit empfand und deshalb einige Befehle der Zerstörung von deutschen Städten und Industrieanlagen (verbrannte Erde-Befehle von Hitler) nicht ausführte plus es als sein gutes Recht sah, dem Führer nach dessen Tod die Treue zu kündigen (war noch in den Sechziger Jahren ein Diskussionsthema der Gefangenen untereinander). Heß scheint häufig angeblich sein Gedächtnis verloren zu haben, was Speer in Frage stellt.
Warum haben eigentlich die anderen Gefangenen keine 'Bücher veröffentlicht?
Für jeden Historiker des Dritten Reiches ist das Buch ein Muß, wenn auch nicht so viele Details enthalten sind wie in "Erinnerungen". Das Buch hat ein detailliertes Inhaltsverzeichnis, wo man - nach persönlichem Interesse - leicht auswählen kann.