Der Herr der Ringe im HEEL-Verlag zum Dritten. Das erste HdR-Special war damals ausgezeichnet gelungen und sehr informativ, vor allem wegen Servos intimer Kenntnis des Filmprojekts. Die Enttäuschung folgte im vergangenen Jahr: Das zweite HEEL-Special wirkte konzeptionell über weite Strecken verunglückt und langweilte mit ellenlangen Buchzusammenfassungen, aus dem Internet sattsam bekannten Elbisch-Sprachkursen und einer überflüssigen Leistungsschau der Merchandisingbranche. Darum die gute Nachricht zuerst: Das neue Special knüpft da an, wo das erste aufhörte - der Autor hat sich wieder auf seine eigentlichen Stärken besonnen. Sehr zum Nutzen des vorliegenden Heftes. Dafür gibt es schon mal eine Kaufempfehlung.
Den eigentlich interessanten Kern des Specials bilden vor allem drei Beiträge. Zum einen beschreibt Servos seine unerwartete Reise Ende 2000 nach Neuseeland zu den Dreharbeiten. Hier kann der Autor exklusiv und originell aus dem Vollen schöpfen, seine Begegnungen mit Machern und Stars beschreiben, die Sets, die er besichtigen durfte und einige weitere Highlights, die ihm wohl unvergeßlich bleiben werden, so zB eine 30minütige Preview-Vorführung in Peter Jacksons (PJ) kleinem Kinosaal - und das, wie gesagt, bereits im Jahr 2000!
Zweitens hat der Autor auf 25 Seiten ein akribisches Produktionstagebuch zusammengestellt, von 1978 (PJ sieht den Zeichentrick-HdR) bis zum 16. August 2003 (Soundaufnahmen im Sportstadion). Hier kann der interessierte Leser teils tagesscharf den Gang der Dreharbeiten nachvollziehen, in allen Details. Ja, aber muss denn das sooo lang sein? Wollen wir denn wirklich lesen, dass Produzent Barrie Osborn am 13. Oktober 200 eine Party veranstaltet hat und was Pippin am 14. Dezember 2000 drehen musste? Klare Antwort: Jaaa!!! Aber UN-BE-DINGT wollen wir das! Wunderbar! Nicht nur bietet das Tagebuch eine Fülle an Informationen und manche Spoiler, es bietet auch eine Zusammenfassung der Ereignisse, die so bisher nirgendwo zu lesen war - deshalb wird das Special gültig bleiben, auch wenn Brian Sibleys bemerkenswerte Making of-Reihe abgeschlossen sein wird. Es war eine gute Entscheidung, es nicht (vergeblich) mit Sibleys Filmbüchern aufnehmen zu wollen, sondern dem HEEL-Special ein ganz eigenes Konzept zu Grunde zu legen. Und dieses Konzept geht auf.
Drittens enthält das Heft eine Vorstellung der drei Reiche, die den dritten Film bestimmen werden - Rohan, Gondor und Mordor. Auch dies wird sehr zum Verständnis des Film beitragen, und kommt dabei zugleich ohne viele Spoiler aus. Das ist hilfreich, interessant und einfach gut gemacht. Vor allem: Der Autor fasst sich angemessen kurz, stellt die Reiche und die wichtigsten Akteure knapp vor und baut manche lesenswerte Einsprengsel in die Darstellung ein - so zB über die Pferde im Film. Der Clou dieses Abschnitts aber ist, dass jedes Kapitel mit einem Interview abgeschlossen wird: mit Gamling-Darsteller Bruce Hopkins, dem Kalligraphen Daniel Reeve und Concept Artist John Howe, die jeweils über ihre Arbeit berichten. Anstatt ellenlange Riemen über die Geschichte der drei Reiche zu verfassen, die den Kinozuschauer überfordern und dem Tolkienkenner längst bekannt sind, hat sich Servos hier für eine Auflockerung der Darstellung entschieden: Ein bischen Landeskunde, die wichtigsten Figuren, einige Setinformationen und Interviews mit den Filmmachern. Wiederum: Sehr gut, sehr lesbar, sehr interessant!
Ansonsten finden sich in dem Heft noch einige kürzere Beiträge. Ein Ausblick auf die künftigen Filmprojekte der HdR-Stars, von PotC bis zu Episode 3. Warum auch nicht, denn das Interesse an den Darstellern geht ja mittlerweile über die HdR-Filme weit hinaus. Eine Zusammenfassung von ROTK, mir zwar immer noch zu lang, aber immerhin deutlich kürzer als die unnötig epische Nacherzählung im zweiten HdR-Special vom letzten Jahr. Einiges Wissenswerte über Die Zwei Türme (TTT) mit Filmfehlern, Gastauftritten und inhaltlichen Details. Welches Gedicht rezitiert Theoden? Wieso hat Gandalf nach seiner Rückkehr eine Elbenbrosche? Bei welcher Szene, die auch im Film zu sehen ist (!), hat sich Viggo Mortensen den Zeh gebrochen? Abgerundet wird das Heft durch einen Rückblick auf TTT und eine recht genaue Beschreibung aller zusätzlichen Szenen, die auf der TTT-SEE woraussichtlich zu sehen sein werden. Ausserdem gibt es einige Farbtafeln, die teils sehr schöne Schauspielerporträts, aber auch ein trauriges Bild des abgebrochenen Hobbingen-Sets zeigen - was für ein Jammer, dass man es nicht stehen gelassen hat!
Mir hat das Heft insgesamt wieder gut gefallen. Es bietet überwiegend wirklich lesenswerte Beiträge. Ist locker geschrieben. Und verkürzt die lange Wartezeit bis zur Premiere.
Gibt es gar nichts kritisch anzumerken? Doch. Die Stärke des Heftes ist zugleich seine Schwäche: Die Nähe zur Produktion trübt manchmal etwas den kritischen Blick, den man von einem Journalisten erwarten kann und muss, und führt zudem zu einem für mich befremdlichen Jargon der Vertraulichkeit: Beteiligte werden häufig geduzt, es wimmelt von "Peter" und "Richard", "Dominic" und "Billy", die dies oder das tun oder sagen. Nun weiß ich natürlich nicht, wie gut der Autor alle Beteiligten auch persönlich kennt, aber die Grenze zwischen (pseudo-?)vertraulichem Fandom und kritischem Journalismus sollte bei einem solchen Projekt schon eingehalten werden und ich fühlte mich da öfters etwas ungut an Waldemar "Duzmaschine" Hartmann erinnert.
Etwas überzogen wirkt auch die euphorische Wertung der zusätzlichen Special Extended Edition-Szenen (SEE), die im November erscheinen werden. Mag sein, dass sie TTT mehr bereichert als die erste SEE den ersten Film - denn in dem Fall war nebem manchem Schönen auch sehr viel Überflüssiges und sogar Schlechtes zu sehen, das sehr zu Recht nicht in die Kinofassung aufgenommen wurde. Das mag - hoffentlich - bei TTT etwas anders sein, wenn ich an die Rückblicke mit Boromir und Faramir oder an die Furten des Isen denke - in der Tat wichtige Szenen. Aber die Bewertung, die TTT-SEE werde den Film "nicht ergänzen, sondern ersetzen", scheint mir doch sehr überzogen! Auch dass "manch einer" behaupten werde, so Servos, dass der Kinofilm "nur ein Trailer" war, wohingegen die SEE erst "der richtige Film ist", erscheint mir sehr weit hergeholt - wäre das wirklich so, dann hätte Peter Jackson in der Tat auf ganzer Linie versagt. Auch ich erwarte mir noch einiges von der SEE, aber sie wird aus TTT keinen ganz anderen Film machen - und wer mit Faramir in TTT nichts anfangen kann, wird das auch dann nicht können, wenn ihm das noch weitere 5 Filmminuten verklickert wird.
Aber damit das nicht falsch verstanden wird: Meine Kritik bezieht sich hier auf einige wenige Abschnitte des Heftes, auf Interpretationsfragen, die man lang und breit erörtern könnte, die aber den Nutzen des Heftes für alle Fans nicht beeinträchtigen können. Denn umgekehrt gilt natürlich auch, dass die Schwäche eben auch die Stärke ist: Ohne die Begeisterung und das Herzblut, mit dem der Autor an den Filmen hängt, hätte das Special nicht so gut werden können, wie es eben ist, auch wenn der Autor manchmal auf dem schmalen Grad zwischen kritischem Journalismus, Marketing (SEE als "Pflichtprogramm für jeden Fan") und begeistertem Fandom ins Straucheln kommt. Das ist ein gutes Special, man wird nicht bereuen, es zu kaufen und es bietet viele Informationen, die so wohl nur hier zu Lesen sind, zB das Filmtagebuch. Damit ist das Heft auch für diejenigen zu empfehlen, die sich die Bücher von Sibley und Russell zulegen werden - es ergänzt diese Bücher und ersetzt sie nicht. Diemal funktioniert das Konzept, anders als beim zweiten Special, und das ist ja nicht das schlechteste, was man über so ein Heft sagen kann. Klarer Kauftipp für alle Interessierten.