Auf der CD-Hülle liest man "Der große Robert Gernhardt in seiner letzten Live-Lesung". Läse man's nicht, so käme man nicht drauf, und kennte man noch so schmerzlich gut seine Lebens- und Sterbedaten. Quietschlebendig ist Gernhardt hier nämlich beisammen, obwohl er die Themen "Sterblichkeit" und "Tod" immer wieder anklingen lässt im Laufe der circa 70 Minuten, und zwar häufiger als sonst. Jedenfalls ist diese historische Lesung mitreißend und pietätlos, und wenn Gernhardt gleich zu Anfang ankündigt, er werde aus seinen nunmehr vollständig erschienenen Gedichten lesen, erschienen "in einem bibelähnliche[n] Buch", dann weiß auch der letzte Zuhörer, worauf er sich eingelassen hat. Nämlich nicht auf eine Art "Greatest Hits", weihevoll herabgeröhrt vom Olymp-geweihten Dichter, sondern mit viel Liebe zu Detail und Gedicht gewieft vorgetragen, und zwar von einem Analysierer mit messerscharfem Verstand, der sich "mit horizontalen Schnitten" an sein eigenes lyrisches Gesamtwerk ranmacht.
Man hat sich's schon lange gedacht und freut sich über des Meisters Bestätigung: Gernhardt hat nicht mit Dichten angefangen, um wortgewordene Gefühle auszudrücken, sondern "um rauszukriegen, 'Wie geht das?'". Und bei d e m Dichter und d e m Werk glaube ich d e n Anfang sofort.
Also los, denn diese Einleitung verspricht viel und hält noch mehr.
Hier also die Schnitte, pardon, Kapitel:
I Die Dichter als Dicht-Animatoren... Mit einigen Aha-Erlebnissen auch für den Zuhörer freilich: Heines "Denk ich an Deutschland" hat mehr als nur die eine Strophe, und es geht darin um was ganz anderes, als man zu wissen glaubt, aber das nur nebenbei. Gernhardt nimmt die Herausforderung an und dichtet virtuos im Heine-Ton und in anderen Tönen.
II Wie die dichtende Beschäftigung mit dem Tier in all seinen Erscheinungsformen Dichter und Werk signifikant beeinflussen kann, und wie der Dichter ernster wird. "Ich will diesen [Themen-]Wechsel nicht bewerten, ich will ihn nur feststellen." (Gernhardt). Ein Spatz in schlichter Gedichtform birgt keinesfalls schlichten Inhalt -- das lehrt der Dichter zwanglos. Das und noch mehr.
III "Muss der Reim bleim?" Zunächst mal wird wieder mal die Perspektive zurechtgerückt: Der Reim ist einfach eines von mehreren lyrischen Ordnungssystemen, allerdings ein beliebtes. Und zugleich -- Gernhardt spricht's nicht direkt aus, deutet's aber an -- hat dieses Ordnungssystem was Anarchisches an sich. Wie war das mit dem Advokat, der grad Salat... wohingegen der doch weitaus höher zu bewertende Mensch reimtechnisch leer ausgeht? Ordnungssysteme sind immer auch Fehdehandschuhe und Spielgeräte, und wohl den Dichtern, die so gernhar(d)t mit ihnen zu spielen verstehen... siehe die unendlich vielen Spielarten des Reimes, von denen Gernhardt hier einige erläuternd herausgreift: Doppelreim, Reimverweigerung, Spiegelung...
IV Die Gedichtform Sonett als lyrisches Trainingsgerät, mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen, die man einstellen kann. Eines von Gernhardts berühmtesten Gedichten ist natürlich dabei, aber auch noch andere, denn es gibt einige von ihm. -- Und ist ein Sonettist nicht immer was Besonderes? Gernhardt erklärt auch, warum das so ist. Und der Zuhörer kapiert was und amüsiert sich dabei.
V Wer ist eigentlich dieses geheimnisumwaberte Lyrische Ich? Mit einleuchtenden Beispielen...
VI Nochmal: Das Gedicht ist auch eine Einladung, mit der Sprache zu spielen. Daher heißt dieser Gewebeschnitt auf Gernhardts Objektträger auch "Sprachspiele".
VII Der Dichter dichtet -- aber woher holt er sich den Stoff? "Aus dem Überall", so mein Fazit nach Gernhardts Parforceritt durch die Beispiele seines Schaffens. Tübinger Ampeln und toskanische Seen, egal. Ein Gernhardt will Dichterlesungen freilich nicht besinnlich enden lassen, zumal welche, die womöglich Abschlussvorstellungen sein könnten. Also spricht der Dichter "Bilden Sie mal einen Satz mit..." und zitiert aus dem damals noch unveröffentlichten Band.
VIII Die Zugabe bildet die Interaktive Lesung: Das Auditorium ruft Seitenzahlen, und dann spricht er, der Dichter. Überraschungsmomente inbegriffen.
Freilich erläutert Gernhardt seine Thesen auch anhand einiger seiner berühmtesten Werke, oder umgekehrt: Er hat seine Lesung thematisch geordnet, nicht chronologisch.
Egal; er liest unter anderem: sein als Abiturient verfasstes Trakl-Gedicht, haarscharf an der Parodie vorbeischrammend (hier muss ich dem Dichter widersprechen, denn das ist eine klasse Trakl-Parodie, und nicht nur ein "Sieg nach Punkten") etwa; Auszüge aus den Zyklen "Dorlamm", "Animal-Erotika" und "Folgen der Trunksucht"; "Behindertes Kind am Strand"; "Dich will ich loben, Hässliches"; "Familie"; Variationen über "Ottos Mops" ("schließlich verfügt das Deutsche noch über weitere Vokale") -- nur "Enzensberger Exeget" bleibt er uns diesmal leider schuldig. Und natürlich, in der Lektion darüber, dass Gedichte immer eine hoffentlich gemeisterte Herausforderung darstellen, auch seine "Materialien zur Kritik einer berühmten Gedichtform italienischen Ursprungs".
Aber auch anderes, zu Unrecht weniger bekanntes lässt der Meister hören -- unter anderem die rühmende Erstlesung seines "Loriot"-Akrostichons. Und, wenn wir schon dabei sind, eine Verknüpfung der Herausforderungen Sonett und Akrostichon zum Thema "Wer wird Weltmeister" ("das war vor dem 1:4 gegen Italien"). Und noch einiges mehr, und immer leitet Gernhardt geistreich von einem Schnitt zum nächsten über. Kleine feine Trouvaillen mit inbegriffen, etwa der Treppenwitz der Literaturgeschichte (Heine und Heino...).
CD schon aus? Dann halt nochmal.