"Ich möchte bei dir sein am Abend,
wenn dunkle Bäume schweigend stehen
und plötzlich Stille überragend
das Licht ablöscht in den Alleen."
Lyrik ist Geschmackssache, noch mehr als Romane oder Erzählungen. Nicht nur die formale Schönheit ist oft für den einen präsent und für den anderen willkürlich, sondern auch die Differenz zwischen Sprache und Erleben ist oft von Künstler zu Künstler, von Gedicht zu Gedicht so unterschiedlich, dass es manchmal beinahe schwierig ist von guter oder von schlechter Lyrik zu sprechen, weil vielleicht nur ein momentaner Eindruck oder eine nicht verinnerlichte Zeile die wirkliche Wahrheit eines Gedichts verpassen. Auch wegen all dieser Unwägbarkeiten wird Lyrik heutzutage möglicherweise weniger bedacht, als ihre oft lockere und bedingungslose Schönheit vermuten ließe. Dabei ist sie nach wie vor die beste Art, dem Unsagbaren und Flüchtigen einen Kranz von Ahnung umzulegen.
"Die andern Namen die du nennst,
sind temporäre Sicherheiten
auf aus dem Buch gefallenen Seiten,
für die du eine Zeit entbrennst."
"Später, überall Regen" ist ein Gedichtband, der gleichsam offenbar und geheimnisvoll ist. Jedes Gedicht ist wie eine neues Gemälde in einer Ausstellung. Manchmal ist der Übergang nur leicht, dann aber wieder ist man doch verblüfft, von der plötzlichen Darstellungstiefe, der mit einem mal gewonnen Freiheit und Leichtigkeit und dann wieder von der gesetzten Schlichtheit, die sich alle so rasch die Hand geben. Alles in allem würde ich nicht sagen, dass jedes Gedicht in diesem Band gut ist. Aber viel wichtiger: Ich würde auf keinen Fall sagen, dass eins von den Gedichten in diesem Band wirklich schlecht ist.
"Schneetreiben
und leicht wie eine Flocke
liegen bleiben
dicht an dicht
funkeln im Licht
liegen bleiben
wenn Strahl um Strahl
Sonnenlicht
die Schale der Nacht zerbricht"
Thematisch kann der Band, wie schon angedeutet, mit vielem Aufwarten. Entrückte Märchenmuster und frei schwebende Liebesgedichte, Naturverse der Innerlichkeit, ernste und klar anmutende Gedanken, gleich wieder verborgen hinter Bildern und/oder poetischer Verwehung und Vertonung. Auf sehr eigene Weise schafft Döring es, dass man die Gedichte, die einem gefallen, wirklich ins Herz schließt - was natürlich nicht alle sein können, aber es gilt was Alexander Xaver Gwerder sagte: "Ein Gedichtband, in dem schon mehr als ein Viertel der Gedichte nicht wie auf dem Papier verunglückt erscheinen, ist ein guter Gedichtband." Und bei Döring kommen wir auf weit höhere Prozentzahlen.
"Die Schatten der Wahrscheinlichkeit
sind aufgespannt im Netz der Zeit."
Schon einfache Verse wie dieser aus einem Gedicht genommene Zweizeiler zeigen, dass Döring in seinen besten Versen echte Klasse beweist. Ohne viel anzuecken, schafft er es, seine Sprache auf viele verschiedene Gebiete ihre Lichter und Schatten werfen zu lassen; dabei hat mich letztlich am allermeisten seine integere Ehrlichkeit beeindruckt: Alles, was er schreibt, kommt von ihm, wurde nicht aus Kalkül oder auf formale Bestimmungen hin geschrieben. Deswegen weichen die Gedichte zwar formal oft doch stärker von einander ab und eine wirkliche Homogenität ist nicht gegeben, aber dass macht meiner Meinung nach die Authentizität wett, die man so oft in den Gesten der Gedicht vernimmt. Mit einer geradezu unbestimmten Logik und Magie zaubert Döring ein ums andere Mal etwas Schönes - selten Eingängiges, aber wirklich Schönes.
Und dann sind da, nicht zuletzt, noch überaus bemerkenswerte Verse wie dieser hier:
"Was bleibt am Ende? - Worte auf Papier,
ein wenig klarer als der Tag, doch fremd;
so brennend, leicht zerstörbar und so bleich wie wir
und einsam wie der Mond am Firmament"