„Späte Familie“, der neue Titel von Zeruya Shalev, klingt nach einer Ankunft – wenn auch einer verspäteten – und wenn man die beiden Vorläufer zu diesem Roman, „Liebesleben“ und „Mann und Frau“ mitdenkt, so könnte man den Eindruck gewinnen, als haben die notorisch zweifelnden Charaktere Shalevs nach all ihren Eskapaden, gescheiterten Beziehungen und Ehen schließlich doch noch einen Ort gefunden, der ihre Heimat werden könnte. Der Titel „Späte Familie“ hat etwas Heimeliges. Ein Hauch von Es-gerade-noch-geschafft-haben. Die Idylle einer späten Ankunft im Zu-Hause.
Nichts davon trifft zu. Das Figurenarsenal des neuen Romans von Shalev ist genauso gebrochen, skeptisch, unentschieden und unglücklich wie in den beiden Vorläufern. Ella, Archäologin von Beruf, eine nicht mehr junge Frau verlässt am Anfang der Geschichte mit dem kleinen Sohn Gili ihren Mann Amnon. Von der ungeheuren Erschütterung, die dieser Lebensumbruch mit sich bringt, sind alle Beteiligten offenkundig für immer benommen. Dann tritt Oded, ein Psychoanalytiker, der ebenfalls seine Familie verlassen hat, in Ellas Leben, und für eine gewisse Zeit macht es den Anschein, als eröffnete sich hier die Möglichkeit zu einem neuen, unverbrauchten, glücklichen Leben. Aber der Schein trügt. Die neue Beziehung gestaltet sich genauso schwierig wie die alte. Am Ende sind die Figuren nirgends angekommen. Sie etablieren sich in einem Zustand des Dazwischen, in dem beständige Unklarheit und beständiger Zweifel herrschen. Von einer Ankunft kann also keine Rede sein. Der deutsche Titel „Späte Familie“ ist daher zwar schön, aber verzerrend.
Zutreffender und aufschlussreicher ist der hebräische Titel des Originals, wo der Roman „Thera“ heißt. Dies sagt den meisten von uns zunächst zwar wenig, erfasst jedoch das Thema des Buches – wie einem bei der Lektüre schnell klar wird – umso genauer. Thera ist der Name einer vulkanischen Insel in Griechenland, die heute Santorini genannt wird. Ein gigantischer Vulkanausbruch von dieser Insel aus soll vor etwa 5000 Jahren für den Untergang der minoischen Kultur verantwortlich gewesen sein. Ein Naturereignis, das die soziale und gesellschaftliche Struktur der gesamten antiken Welt verändert haben soll.
Dies ist das Bild, dies ist die Metapher, von der aus sich der Roman erschließt. Ellas Abkehr von ihrem Mann wird kaum begründet und wenig erklärt. Die Entscheidung ihn zu verlassen wird als Ausbruch einer Naturgewalt beschrieben, ein Ereignis mit dem sich nicht verhandeln, mit dem sich nicht räsonieren lässt. Dies ist die furchtbare Realität, an der sich Shalevs Protagonisten abarbeiten und dem sie hilflos versuchen einen Sinn zu geben. Als Archäologin und als Psychiater sind Ella und Oded beide auf dem Gebiet der Sinngebung und Ursachenforschung tätig. Der Glaube an die Existenz von Antworten auf alle unsere Fragen ist hierfür essentiell. Als Ella jedoch gegen Ende des Romans gefragt wird, warum sie ihren Mann eigentlich verlassen habe, vermag sie nur zu sagen: „Du kannst mir glauben, dass ich das schon selbst nicht mehr weiß, es war unausweichlich, wie eine Naturkatastrophe.“
Die tiefe Verunsicherung, die diese Erkenntnis mit sich bringt, ist das Thema des Buches. Das Leben – und ganz besonders die Liebe – hat demzufolge keinen Sinn und kein Ziel. Sie sind willkürlich und ungerecht und obendrein noch unverständlich. Bei den zahllosen Auseinandersetzungen und Streits, die die Paare hier ausagieren, wird dem Leser aufgezeigt, wie wenig diese Liebenden doch voneinander verstehen – wobei man als Betrachter die Probleme natürlich sofort versteht und es ihnen zurufen möchte.
Dies alles wird in einer fesselnden und wuchtigen Sprache beschrieben. Shalev rückt ihren Figuren ganz nah auf die Seele. Die Sätze sprudeln in Kaskaden ohne Halt, Punkt und Komma die Seiten herunter. Jede Verletzung, jede Freude, jedes noch so kleine Gefühl der Missachtung wird minutiös seziert und in Sprache gebannt. Wie die beiden anderen Romane von Zeruya Shalev ist „Späte Familie“ ein Roman, der von jeglicher Geschichte absieht und sich konsequent auf die Gefühlswelt der Charaktere einlässt. Es ist ein Beziehungsroman in Reinform. Als solcher findet er zu fast archetypischen Bildern von großer poetischer Kraft. So endet das Buch damit, dass sich die beiden Paare, die einst wie von einer Naturkatastrophe zu einer neuen Konstellation zusammengewürfelt wurden, gemeinsam zu einem Begräbnis auf dem Friedhof treffen. Unsicher stehen sie beieinander, „denn der Wind lässt uns schwanken, als wollte er unseren Stand prüfen, wir stehen dicht beieinander, und ich überlege, ob jemand, der uns jetzt von außen betrachtete, erkennen könnte, wer zu wem gehört.“ Ein poetisches Bild, das die Ankunft der Liebe im ewigen Dazwischen beschreibt.
Thomas Reuter