Wer Niklas Luhmann liest sollte wissen, worauf er sich einlässt.
Das Buch "Soziologie des Risikos" würde ich in der Phase: Anfang vom Ende des Autoren einordnen und das im sehr positiven Sinne. Strukturfunktionalistische- und handlungstheoretische Überlegungen treten in diesem Buch im Gegensatz zum "frühen Luhmann" nicht mehr auf und man findest in diesem 1991 erschienenden Werk stattdessen schon eine Vielzahl der Konzepte und Termini aus dem "Abschlusswerk": "Die Gesellschaft der Gesellschaft" von 1998. Dies bedeutet, dass rein systemtheoretisch argumentiert wird und Kommunikation im Vordergrund der Analyse steht. Zusätzliche wird Risiko definiert und beschrieben und das auf Objekt- und Begriffsebene, wobei auf begrifflicher Ebene dem Formkalkül - luhmanntypisch - große Aufmerksamkeit geschenkt wird. So wird in Risiko und Gefahr unterschieden und damit zusammenhängend in Entscheider und Betroffene. Doch in einer Gesellschaft, in der 6 Milliarden Entscheider Kausalzurechnungen unmöglich machen und jede riskante Entscheidung auch Betroffenheit erzeugen wird, was sie gefährlich macht befinden wir uns in Mitten von Paradoxien, die - und hier fangen Luhmannliebhaber an mit der Zunge zu schnalzen - substituiert und invisibilisiert werden müssen. Damit gelangt Luhmann zum Beobachtungsparadigma, mit welchem er auch hier argumentiert, was die Herleitung - wie könnte es anders sein - auf eine konstruktivistische Perspektive verlagert. So wird mit Hochtechnologie, Wirtschaftssystemen, Protestbewegungen, Wissenschaft, Frauen und schließlich sich selbst im Luhmanschen Stile umgegangen und schwarzhumorig abgerechnet und dies ohne begrifflich aus dem wissenschaftlichen Vokabular auf die Vulgärebene zu entfliehen.
Zusammenfassend ist das Buch ein weiterer Leckerbissen für Luhmann-Fetischisten, welches man aber nicht ohne jedes Vorwissen genießen sollte. George Spencer-Brown's Formbegriff und Maturanas Konzept der Autopoiesis sollten zumindest ansatzweise studiert werden, wenn man sie nicht selbst lesen möchte, in anderen Büchern von Luhmann.
Wer wissen möchte, wie Entscheider nicht zu entscheidende Entsacheidungen entscheiden und Beobachter beobachten, wie sie von anderen Beobachtern beobachtet werden, der ist hier genau richtig. Wer sich aber entspannen möchte und noch kein Vorwissen in der Luhmannschen Literatur hat, dem empfehle ich zuerst mal die erstten 412 Seiten vom Band 1 der Gesellschaft der Gesellschaft.
Vielen Dank fürs Lesen, ich hoffe, es war aufschlussreich und viel Spaß beim Lesen des Papstes der Systemtheoretiker!