Die drei Jenaer Soziologie-Professoren Klaus Dörre, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa haben mit diesem von ihnen publizierten Band die Intention der "Rückkehr der Kritik in die Soziologie", die sie zu einer marktaffirmativen "Begleitwissenschaft", oder, wie es Lessenich ausdrückt: "Normalwissenschaft", verkommen sehen.
Dass Kritik immer normativen Grundlagen folgen muss ist klar; Rosa thematisiert dies in seinem Beitrag am explizitesten, indem er die Frage nach einem guten bzw. gelungenen Leben als stets implizit vorhandene Basis allen soziologischen Forschens und Wissensdranges betont und auch seiner Kritik, die er in Form der Beschleunigungsthese äußert, zugrundelegt.
Bemerkenswert ist an diesem in wissenschaftlicher Kooperation entstandenem Werk dessen Konzeption und Struktur: Durch die anfängliche Darlegung ihrer Positionen, der darauf folgenden gegenseitigen Kritik und der abschließenden Erwiderungen der Autoren auf ebendiese Kritik ihrer jeweiligen Kollegen wird dem Leser und der Leserin eine sehr eindringliche und ausgiebige Beschäftigung mit allen drei Ansätzen - Landnahme, Beschleunigung und Aktivierung - geboten. Selbstverständlich versuchen die drei Autoren auch ihre Anknüpfungspunkte klar zu machen. So radikal stellenweise die gegenseitige Kritik - Stichworte: "unfruchtbar", "unscharf", "wirft alle Grundsätze über Bord" - in ihrer Formulierung, aber auch in ihrem Inhalt ist, so tief ist auch die gegenseitige Beschäftigung mit ihren theoretischen Konzepten und am Ende die wechselseitige Verbundenheit in ihrem dem Bemühen, dem kapitalistischen Rechtfertigungsregime theoretisch und intellektuell den Kampf anzusagen.
Nun zu meinen zwei wesentlichen Kritikpunkten: so sehr gelungen dieses akademisch-geistige "Onanieren" in seiner inhaltlichen und semantischen Stärke ist, so sehr ist es eben auch auf ein akademisches Publikum zugeschnitten, während jene Subjekte, denen es an kulturellem Kapital eher mangelt (wie wohl dem Leiharbeiter, dem Dörre sein Sprachrohr leiht), ins Hintertreffen gelangen und - so sie überhaupt mit der Lektüre beginnen - alsbald ernüchtert resignieren. Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich ausschließlich um ein Werk von Fachleuten für (angehende) Fachleute. Nicht nur wird ein gewisses Sprachverständnis wird vorausgesetzt - ebenso gewisse theoretische Kenntnisse, seien diese über Marx oder Foucault. Gerade das Konzept der Aktivierung erweist sich im Hinblick auf sein Verständnis in meinen Augen als nicht gerade einfach - und lässt womöglich dem/r nicht Foucault geschulten Leser/in am Ende mehr Fragen offen, als es zu beantworten imstande ist.
Der zweite Kritikpunkt meinerseits betrifft die mangelnde Essenz und Kristallisation an Alternativen im System und zum System. Auch wenn diese nicht der eigentliche Gegenstand dieses Buches sind, so sollte eine kritische Soziologie sich darum bemühen, konkrete Hebel und "Einfallstore" (Lessenich) für die potentiellen Subjekte der antikapitalistischen Transformation ausfindig zu machen - und nicht im vagen Bereich bleiben. Ob diese Anforderung hinsichtlich ihrer mageren Ausblicke und politischen Forderungen als erfüllt gesehen werden darf, mag bezweifelt werden. Es fehlt - wie Dörre Nancy Fraser zitierend attestiert - schlichtweg ein "glaubwürdiges, überwölbendes, emanzipatorisches Projekt". Grundeinkommen und Wirtschaftsdemokratie sind die Ideen, die von den Professoren als Antwort auf den Kapitalismus kommen. Wie jedoch eine Welt jenseits des Kapitalismus aussehen könnte, bleibt gänzlich ungedacht und unbeantwortet. Dessen ungeachtet, handelt es sich bei dieser umfangreichen stets mehr oder weniger explizit Marx gehuldigten Kritiklegung um ein famoses Projekt, dem man eine Fortführung wünschen möchte. Ebenso eine breitere Wiederbelebung der Kritik in der Soziologie!