Das Buch ist sehr gut geschrieben, liest sich leicht, und gibt einen recht guten Überblick über das Forschungsgebiet der Soziobiologie. Die Hauptkapitel lauten:
- Geschichte, Konzepte und Methoden der Soziobiologie
- Sexuelle Auslese und Fortpflanzungsstrategien
- Soziale Evolution
- Humansoziobiologie und ihre Alternativen
Dazu gibt es noch das Kapitel "Vertiefungen", in dem verschiedene Spezialthemen wie Erblichkeit, Fitness, Evolutionär Stabile Strategien, Gefangenendilemma, Evolution der Sexualität etc. behandelt werden. Es folgt ein Anhang mit einem Glossar und Literaturhinweisen.
Die Soziobiologie untersucht Aspekte tierischen Verhaltens unter ökonomischen Gesichtspunkten. Im Vordergrund steht dabei die Fitness-Optimierung. Dem Fitnessbegriff ist in den "Vertiefungen" ein eigener Abschnitt gewidmet, der aber mehr Fragen aufwirft als er klärt. Vorherrschend ist hier die populationsgenetische Sichtweise, die im Grunde nur mit Fortpflanzungszahlen operiert. Da der Lebensraum dabei nicht mehr vorkommt, bleibt unklar, wie eine Anpassung an diesen erfolgen kann.
Wie üblich geht es praktisch nur um Gene. Charakteristisch dafür ist schon die Darstellung der Darwinschen Evolutionstheorie, die wie folgt beschrieben wird (S. 9f.): "Wenn die Merkmalsvarianten, welche die Überlebenswahrscheinlichkeit und den Fortpflanzungserfolg und somit die biologische Fitness bestimmen, zumindest teilweise erblich sind, dann werden diese vorteilhaften Varianten in den folgenden Generationen immer zahlreicher in der Population repräsentiert sein. Solange Mutation und Rekombination neue erbliche Variation - den unentbehrlichen Rohstoff evolutiven Wandels - erzeugen und der Auslese genügend große Fitnessunterschiede zur Verfügung stehen, wird sich die Merkmalsverteilung in der Population ändern." So kann man sicherlich die Evolution einfachster Arten erklären, mehr aber auch nicht. Vielleicht tue ich dem Buch auch Unrecht, aber seitdem ich Merschs
Evolution, Zivilisation und Verschwendung gelesen habe, sind für mich solch eindimensionale Evolutionsbeschreibungen kaum noch erträglich.
Bei der Evolution der Sexualität werden verschiedene Hypothesen (Red Queen, Mutationslast) zur Vorteilhaftigkeit der Sexualität diskutiert. Keine der beiden Hypothesen kann jedoch erklären, warum sich ausgerechnet die reproduktiv ganz besonders schwache Getrenntgeschlechtlichkeit gegenüber dem Hermaphroditismus durchgesetzt hat. Wer sich für ein halbes Dutzend weiterer, deutlich plausiblerer Hypothesen interessiert, der greife zu Mersch.
Unter "Soziale Evolution" steht einmal mehr die Verwandtenselektion im Vordergrund, insbesondere auch beim Thema Eusozialität. Wie in vielen anderen Büchern des Genres werden die Verwandtschaftsverhältnisse bei den Ameisen unkommentiert auf Bienenstaaten übertragen, obwohl dies nicht möglich ist (S. 60). Hinterher hat man den Eindruck, dass sich Eusozialität nur unter engen Verwandtschaftsverhältnissen herausbilden kann, obwohl sich ja selbst moderne menschliche Sozialstaaten gewissermaßen eusozial verhalten.
Im Kapitel über die Humansoziobiologie erfolgt dann sogar eine Abrechnung mit der Disziplin. Sorgen scheinen dem Autor auch denkbare Konflikte mit dem Feminismus zu machen, als wenn es sich bei Letzterem um eine wissenschaftliche Disziplin handelte. Um es kurz zu machen: Die Ergebnisse werden in Gänze angezweifelt. Gleiches geschieht anschließend mit der leicht anders fokussierten Evolutionären Psychologie und dann auch noch mit der Memetik. Lediglich die Theorie der Gen-Kultur-Koevolution wird ein wenig positiver besprochen, ohne dass ausreichend klar gemacht wird, was das eigentlich ist. Immerhin, und das ist dann tatsächlich positiv hervorzuheben, widmet der Autor einige Seiten dem für die genannten Disziplinen äußerst kritischen demografischen Übergang/Wandel moderner menschlicher Gesellschaften, weil sich hierbei ein Fortpflanzungsverhalten herauskristallisiert hat, welches nun wirklich nicht mehr mit Darwin in Einklang zu bringen ist. Das hat einen einfachen Grund, der im Buch jedoch unerwähnt bleibt: Darwin entnahm seine entscheidende Idee der Bevölkerungslehre Malthus', d.h. der Demografie. Das ist bis heute so geblieben. Selbst die Verwandtenselektion ist im Grunde noch immer Malthus pur. Die moderne Demografie hat sich jedoch längst von Malthus gelöst und ihre eigenen ökonomischen Modelle (z. B. die ökonomische Theorie der Fertilität gemäß Gary S. Becker) zur Erklärung des demografischen Wandels aufgestellt, in denen viel von Opportunitätskosten für Kinder die Rede ist, allerdings nie von Genen. Auch ist ihr der umgekehrte Zusammenhang zwischen sozialem Erfolg und Reproduktionserfolg bekannt, und zwar als demografisch-ökonomisches Paradoxon. Leider haben sich die Zeiten längst geändert. War Darwin noch in der Lage, die Forschungsergebnisse der Demografie (die sich ja immerhin mit dem Reproduktionsverhalten menschlicher Gesellschaften, also dem gleichen Thema wie die Humansoziobiologie, beschäftigt) wahrzunehmen und zu würdigen, so scheint eine solche interdisziplinäre Herangehensweise heute nicht mehr üblich zu sein. Kein Wunder, dass die Soziobiologie nun im Clinch mit der Soziologie liegt. Wer es anders haben will und nach einer wirklichen Lösung für die genannten Probleme sucht, der lese Mersch.