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Provozierend ist der Titel durch seine Einfachheit allemal. Er wird auch diejenigen animieren, auf diese Neuerscheinung zuzugreifen, die Werlens bisherige Arbeiten zur Umformulierung sozialgeographischer Erkenntnisansprüche nicht mittragen konnten. Dies schon allein deshalb, um herauszufinden, wie der Autor die zahlreichen koexistierenden oder rivalisierenden Sozialgeographien unter einen Hut bringt, oder ob er sich tatsächlich anmaßt, die Sozialgeographie auf nur eine einzigen disziplinäre Perspektive zu verkürzen.
Werlen flicht in dieser Einführung ein faszinierendes Netzwerk von Einsichten, Verknüpfungen und Abhängigkeiten unterschiedlicher wissenschaftlicher Denkansätze und Fragestellungen, wobei die Klarheit der Argumentation ein stets angenehmer Begleiter auf dem Weg durch die vielfältige Perspektivenlandschaft sozialgeographischer Orientierungen bleibt. Der Autor entwickelt seine Betrachtungen entwicklungshistorisch, das heißt, er stellt die seiner Meinung nach disziplinbeeinflussenden Konzepte in eine geschlossene Zeitreihe und bettet sie in die jeweils konstituierenden disziplinären, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ein. Diese Vorgangsweise mutet zwar eher traditionell an, aber mittels einem einfachen Kunstgriff entwindet sich Werlen der Versuchung die vorgestellten erkenntnisleitenden Denkmuster gleichsam idiographisch abzuarbeiten. Statt dessen ordnet er seine mehrperspektivischen Annäherungen an ein spezifisches Paradigma jeweils einem zentralen Gedanken unter, den er konsequenterweise als zentralen Aufhänger seines thematischen bzw. kapitelweisen Aufbaus verwendet.
Diesem konzeptionellen Prinzip bleibt der Autor durchgängig treu und führt den Leser ein in die "Entwicklungslinien sozialgeographischen Denkens", erhellt den "Disziplihistorischen Kontext" und entwickelt sozialgeographische Denkansätze über die Bereiche der "Landschaftsforschung", der "Geographischen Gesellschaftsforschung" hin zum Problembereich "Bedürfnisse und Raum" in dessen Rahmen Werlen das Kunststück zuwege bringt, die Hintergründe der funktionalen Phase sozialgeographischer Betrachtungsweisen zu einem spannenden Lesevergnügen zu gestalten. "Die Raumgesetze der Gesellschaft" betitelt Werlen den Themenbereich in welchem die Sozialgeographie in ihrer Funktion als Aufdeckungsdisziplin von Gesetzmäßigkeiten räumlicher Verteilungs- und Verbreitungsmuster auf den Prüfstand gehoben wird und er leitet mit dem Kapitel "Gesellschaft - ein räumliches Mosaik", in welchem er mittels rekurrierendem Verfahren frühere diziplinleitende Perspektiven mit aktuellen verknüpft über zu verhaltenstheoretischen Grundlegungen der "Umweltwahrnehmung" bis zum Finalakkord, der "Gesellschaft, Handlung und Raum" betitelt ist und gleichsam die Manifestation der bisherigen Arbeiten Werlens zum Problem sozialgeographischer Erkenntnisfindung und deren Legitimierung darstellt.
In jedem der genannten Kapitel sind die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen und die Argumentationsrichtungen gekennzeichnet von einem scharfen Blick auf das jeweils Wesentliche, wodurch die konstituierenden Einflußgrößen der diskutierten Ansätze konturenscharf und für den Leser nachvollziehbar hervortreten..
Lassen Sie mich ein zusammenfassendes Urteil versuchen: Alles in allem ist Benno Werlen mit diesem Buch ein großer Wurf gelungen. Die Stärke des Werkes liegt darin, daß der Autor durch sein Vermögen der reflektierenden Urteilskraft die Entstehungsbedingungen und die Entwicklungen der einzelnen sozialgeographischen Orientierungslinien nachvollziehbar und einsichtig darzustellen vermag, aber auch die Übergänge zwischen den Paradigmen und den jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund eindrucksvoll zu präsentieren imstande ist.
Ich bin überzeugt, daß dieses Buch für alle Studierenden ein bisher vielfach vermißter hilfreicher Wegbegleiter zu einer disziplinären Identitätsfindung sein wird. Dies vor allem deshalb, weil Werlen in diesem Buch einsichtige, innovative, manchmal originelle immer aber gesellschaftsrelevante Antworten auf die Frage bereit hält, was denn Erkenntnisobjekt der Sozialgeographie sein könne und das ohne trivial zu werden. Dieses Buch, dessen bin ich mir ganz sicher, wird zum Wegbegleiter einer ganzen Generation von Studierenden der Sozialgeographie werden. Wäre da abschließend noch etwas über dieses Buch zu sagen? Ja, vielleicht eines noch: Ich wollte, ich hätte es geschrieben!
Christian Vielhaber
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